
Der zweite Tag auf hoher See. Naja. Ganz so tief scheint das Schwarze Meer ja nicht zu sein, aber seine Größe überrascht mich schon. Seitdem wir die Halbinsel Krim passiert haben, sind die Ufer hinter dem Horizont verschwunden. Morgens habe ich nach den Erfahrungen des Vortags auf das Frühstück verzichtet, ein schwerer Fehler. In der Bordbar und im Duty Free gibt es außer Nüssen und Chips nur Schokolade. Und die schmeckt ekelhaft süß. Mit einem Kaffee lege ich mich aufs Deck. Das Wetter ist angenehm warm. Um 14 Uhr spendiert die Reederei wegen der Verspätung ein Mittagessen. Hans und ich beschließen in der Kabine vorzuschlafen. Wir rechnen immer noch mit unserer Ankunft in Batumi um Mitternacht.

Gegen 19 Uhr wache ich auf und o Wunder: Schlepper drücken uns an einen Kai. Das dauert zwar noch eine Stunde aber die Aussicht in meinem gebuchten Bett zu schlafen, hat schon was. Der Kahn muss rund fünf Stunden wett gemacht haben.
Uns Passagiere erwartet erst mal das übliche Chaos bei der Einreise: Runter vom Schiff denken wir alle, quetschen uns in den einzigen Miniaufzug, zugelassen für 5 Personen, von Gepäck steht da nichts. Manche meiner Mitreisenden scheinen ihren Hausstand mitzuführen. Also vom neunten Stock auf das Car-Deck, das Gepäck zwischen den LKW Richtung Schiffsklappe ausbalancieren. Geschafft. Denkst Du. Wir werden alle zurückgeschickt. Die Zollkontrolle sei in der Bar. Also gleicher Weg, gleiche Probleme, nur rückwärts. Oben stehen wir im engen Gang vor der Bar bis gegen neun Uhr die Zöllner in Kompaniestärke einmarschieren. Blöd nur: drei Frauen eröffnen einen Schalter, der Rest der Uniformierten schaut ihnen auf die Finger und die Aufseher müssen ja schließlich auch noch mal von drei Obermufti überwacht werden.
Familien mit Kindern zuerst. Ist ja auch vernünftig bis ich merke, dass immer wieder die gleichen Kinder mit anderen Eltern an mir vorbeidrängen. Und auch sonst wird gedrückt und geschoben. Für jeden, der den Raum verlässt, stehen drei Neue vor mir. Eigentlich ist der Gang kaum breiter als mein Rucksack. Aber dann, die Zollkontrolle ist bei mir in drei Minuten abgehakt, inklusive Kringel auf der Passagierliste (I´m #22). Die attraktive Beamtin lächelt mich an. Ich vermute mal die Geste gilt nicht meinem Charme sondern ist nur Ausdruck der Erleichterung, dass endlich mal jemand vor ihr sitzt ohne dicken Papierstapel für Auto oder Truck.

Batumi auf den ersten Blick vom Deck: sympathisch, auch wenn am Ende der Mole futuristische Hochhäuser in den Himmel ragen. Aber rund um den Hafen sehe ich ein Quartier mit gewachsener Bausubstanz, ein bisschen wie im Gründerzeitstil, Boulevards mit Cafes und Restaurants, die Terrassen sind voll besetzt. Die Stadt liegt zwischen Meer und grünen Hügeln. Ich verstehe, warum die Russen Urlaub am Schwarzen Meer lieben.
Ich mache mich auf den Weg zum Ausgang. Wieder Aufzug, Rucksack balancieren, schmale Gänge zwischen den LKW. An der Heckklappe ein letzter Blick auf meinen Pass und der finale Haken auf der Passagierliste. Geschafft. Es ist kurz nach 22 Uhr
Die Ausfahrt liegt auf der anderen entgegengesetzten Seite zur Stadt. Und hier wartet wie überall auf der Welt die Taximafia. Um es vorwegzunehmen: Das Duell endet remis. Immerhin.
Mein Hotel liegt auf googlemap etwa zwei Kilometer vom Hafen entfernt, direkt hinter dem Bahnhof. Zehn Euro soll die Fahrt kosten. Ich drehe mich um und laufe los. Also fünf Euro ruft man mir nach. Das ist zwar immer noch um 100 Prozent überteuert aber beim RMV wäre es auch nicht preiswerter. Der Koberer, der die Verhandlung führt, spricht nur rudimentär Englisch. Ich habe die Adresse aufgemalt. Er nickt und beginnt zu telefonieren. Ein sicheres Zeichen in aller Welt: Er hat keine Ahnung, wo ich hinwill. Nach einem längeren ah, ah, ah, schleppt er mich zu einem Taxi.
Der Fahrer murmelt etwas von „new nice Hotel“ und will in die falsche Richtung abbiegen. Ich zeige nach links. Hier lang. Kaum zweihundert Meter später steuert er abrupt nach rechts in eine dunkle Straße zu einem Haus mit schummrigem Licht und hupt. Ein paar Mädels schrecken hoch. Ich sage nur „Nix gut, Kollega“ und fange wie immer in solchen Situationen an zu brüllen. Also zurück auf die Hauptstraße. Nach zwei Kilometer kommt der Bahnhof. Mein Fahrer blinkt rechts, umrundet zwei Blocks, hupt ein anders Taxi an, fragt Passanten nach dem Weg und dann ist doch da tatsächlich meine Schlafplatz. Das Hotel entpuppt sich als kleine Pension. Wir klatschen uns ab. Alles ist gut. Der Abschied ist am Ende nett und ich erinnere mich an seinen China-Kollegen, der mich in Ürumqi richtig abgezogen hat. Der schickt wahrscheinlich heute noch mit jedem Räucherstäbchen Verwünschungen gegen mich gen Himmel, so habe ich ihn angebrüllt.
Hohe Mauern. Aber dahinter liegt ein sympathisches Haus. Es ist nur die Putzfrau da. Über Handy kläre ich mit der Besitzerin alles und beziehe ein sauberes Zimmer mit vier Betten und einer guten Dusche. Nebenan hat noch ein Kiosk auf. Bier gibt es (natürlich) auch gegen Euro. Naja über den Wechselkurs reden wir nicht. Und mit zwei Flaschen und einem superschnellen Wifi beschließe ich den Tag am Pool.