
Morgens um acht zum Frühstück, ich war für die erste Schicht bestimmt. Über der Reling stand noch die Skyline von Odessa. Das Schiff hatte gerade erst die Leinen los gelassen, also zwölf Stunden Verspätung. Ich werde wohl mein Hotel in Batumi nach der Ankunft, die jetzt gegen 2 Uhr nachts sein soll, knicken können und gleich weiterfahren. Im Bett über mir schlummerte noch jemand tief. Der Frühstücksraum ist voll mit ukrainischen und georgischen Truckern. Das Gedeck auf der Resopal-Tafel ist unterirdisch. Ich esse schon mal Wurst mit achtzig Prozent Fettgehalt. Aber drüber? Die Teller mit Rührei und Butter waren wohl schon vor ein halbe Stunde serviert worden. Der Auflauf awful, geschenkt. Und es gab nur Tee statt Kaffee. Aber immerhin der Schafskäse war richtig lecker.

Die Trucker nutzen den ersten der beiden Tage der Überfahrt, um mal wieder richtig vollzutanken. Also nicht den Truck sondern eine meist mächtige Wampe, die sich zwischen scheckigem Unterhemd und Jogginghose kugelig nach vorne wölbt. Um 9 Uhr gaben sich die meist kleinen Gruppen den Startschuss für das Besäufnis. Mit Bier versuchten es die Profis erst gar nicht. Zuviel Flüssigkeit für zu wenig Prozente. Und die Liter Flasche Wodka für fünf Euro im Duty Free ist schon ein Wort.
So bis 12 Uhr ist das Schauspiel zwar ein wenig laut aber immer noch ganz lustig anzusehen. Danach beginnen die Ausfallerscheinungen. Männer umarmen sich weinend, drücken ihre schwitzende Wange an die Perlen–Backe des Nachbarn. Man muss weder Russisch noch Ukrainisch verstehen, nur mal bei Dittsche reingezappt zu haben, um jedes Wort der Tischrunen zu erahnen: „Wenn nicht wir, wer sonst sind die letzten aufrechten Kerle“. Nur ist es halt hier kein Kammerspiel wie in dem Hamburger Imbiss von Dittsche sondern eine opulentes Passionsaufführung über mehrere Decks, Chor und großes Orchester inbegriffen. Es dauert dann nicht mehr lange bis die ersten müden Häupter auf die drunter verschränkten Arme sinken. Ungeübte verlieren dann schon mal die Balance und auch die Zähne, wenn sie aufs Deck kippen mit grotesk verrenkten Gliedern, um von den etwas trinkfesteren Brothers in Arms zwischen den Kisten mit den Schwimmwesten gestapelt zu werden.
Wie singt Tammy Wynette doch bei Dittsche
Sometimes it’s hard to be a woman
Giving all your love to just one man
You’ll have bad times, and he’ll have good times
Doin‘ things that you don’t understand
But if you love him, you’ll forgive him
Even though he’s hard to understand
Mädels: macht Euch nix draus. Ist halt so. Naturgesetze kann der Mensch nicht ändern.

Internet hat sich nach einer Zeit auf dem Meer abgeschaltet. Ich verbringe den Tag auf Deck mit der Lektüre von Peter Scholl-Latour „Die Angst des weißen Mannes“. Der kürzlich verstorbene Welterklärer geht auch auf die Situation in der Region ein, die ich gerade bereise und auf die, die ich weiter östlich im vergangenen Winter besucht habe. Seine Vorhersagen, die er vor Jahren getroffen hat, scheinen sich oft zu bestätigen.

Und dann spricht mich Hans aus Biberach an. Er stellt sich als mein Mitbewohner vor. Morgens hatte ich in der Kabine nur seinen Haarschopf gesehen. Er ist 68 Jahre alt, in Rente, und macht das gleiche wie ich: die Welt bereisen. Ich mit dem Zug, er mit seinem VW-Bus. Seine Frau liebt es eher ruhiger. So wie meine Ute. Er ist auf einer Tour rund um das Schwarze Meer. Viel Stoff für ein Gespräch. Er durfte mit seinem VW Bus erst gegen halb fünf aufs Schiff. Ich habe ihn gehört als er vorher gegen drei Uhr seinen Rucksack abstellte.

Zeit auch den Blog mangels Internet als Word Dokument anzulegen. Wir passieren gerade die Krim. An der Reling blicken Menschen dicht an dicht auf das Ufer der jüngst von Russland annektierten Halbinsel.

Und irgendwie bilde ich mir ein: sie haben die gleiche melancholischen Blick wie die Menschen aus meiner Heimat, der Rhön, wenn sie anno 1969 am Sonntag an die Grenze fuhren und Richtung DDR blickten.
Abends dann eine lockere Runde in der Bar. Ein norwegisches Paar, Allan aus London, so alt wie ich. Straßenbauingenieur, der für eine Entwicklungsbank Tiefbauprojekte in aller Welt leitet. Sein Assistent Rene aus Moldawien, jung, intelligent und polyglott. Percy eine fünfzigjährige Punkerin aus Yorkshire mit knallblauen Haaren (are you stoned now, why not?), die mit ihrem offenbar wohlhabenden Gatten -vom Outfit very British- mit dem Motorrad rund um die Welt eilt. Auf dem Tisch stehen reichlich Bier und Chips gegen die Nachwirkungen des Abendessens.
Allan, dem man ansieht, dass er entscheiden kann, hat gerade ein Projekt in Moldawien beendet und sich „ein letztes Mal“ überreden lassen, ein Straßenbauvorhaben in Armenien zu leiten. Er ist noch mal an seine alte Arbeitsstelle zurück, um sein Auto zu überführen. In einer Kladde, dick wie ein Leitz-Ordner, hat er die für den Transfer notwendigen Papiere geordnet. Und jetzt solle ich mir vorstellen, was passiert, wenn er dort eine bisschen Straße baue.
Jeder Beamte dürfe auf die tausende Kopien von Plänen erst einmal seinen Stempel drauf machen, einen extra Haken setzen, seine eigene Signatur drauf kritzeln, einen neuen Erlass verfügen und so weiter. Und jeder dieser hoheitlichen Akte koste in Moldawien Geld, Schmiergeld. „Wenn man seine Polizisten und Beamte nicht bezahle“, so Allen, „und die eine Familie ernähren müssten, dann bleibt ihnen auch nur eine Wahl. Its easy“. Dafür sitze er dann seinen Ingenieuren und Bauleitern gegenüber, die immer nicken, obwohl niemand von ihnen Englisch-Kenntnisse habe. Das sein halt so im Kaukasus im Gegensatz zum Rest der Welt.
Ich provoziere seinen moldawischen Assistenten Rene mit der Frage, ob dies der Grund sei, warum Moldawien so bitter arm bleibe und nichts voranbringe. Er weicht einen Moment mit der Antwort aus, um dann seinen Frust rauszulassen. In dem Land ersetze Schmiergeld Leistung und Vetternwirtschaft Qualifikation. Oligarchen bestimmten die Politik. Aus Banken sei vor zwei Jahren ein Milliardenbetrag verschwunden, niemand wolle etwas gemerkt haben. Politisch wolle eine Hälfte der Bevölkerung in Richtung EU, die andere zu Moskau. Putin verstehe den Konflikt geschickt zu schüren. Die Alten wählten Parteien, die Russland nahestehen, weil sie glauben, dann kämen vergangene Zeiten wieder. Damals hatten sie immerhin ein zwar karges dafür aber regelmäßiges Einkommen. Sie dächten, und Rene macht mit der Hand eine Bewegung als klatsche er einen Geldschein auf den Tisch, wenn ich Putin wähle, dann komme Vladimir persönlich, um jedem die Rente auszuhändigen.

Die Bar am nächsten Mittag. Irgendwann hatten wir in der Nacht aufgehört zu politisieren, getrunken, über Musik gesprochen und über die schönen Seiten dieser Welt.