Donnerstag, 8. Juni, Rund um das Schwarze Meer. Chisiniau – Odessa

 

Fest geschlafen habe ich ja in meinem Museumshotel für den real existierenden Sozialismus. In den Ecken ein wenig schmuddelig war das Zimmer schon, aber noch in der Toleranzzone. Handtücher und Seife wie im FDGB-Heim. Der Hammer war morgens der Frühstückssaal, so eine Kombination zwischen kleinbürgerlicher Spießerei und IKEA-Klon, zwischen heimeligen Plüsch und einer biederen Vorstellung der ehemaligen Funktionärskaste von modernen Zeiten. Bei dünnem Kaffee und gutem Schafskäse stellte ich mir vor wie einst in dem Vorzeige-Hotel die Nomenklatura sich selbst befeierte bis die Tristesse gnädig im Alkohol verschwamm. Hoffentlich war zu jener Zeit das Frühstück reichhaltiger .

Irgendwie ist der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus in Moldawien fehlgeschlagen. Moldawien ist ein bitterarmes Land. Ich kann mich an nur an wenige Orte in Afrika oder Asien erinnern, die flächendeckend so heruntergekommen wirken.

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Die Fahrt von der Unterkunft mit dem O-Bus Richtung Autogara erinnerte mich an alte Filmen mit Szenen vom Schwarzmarkt anno 1947 in unseren Breiten. Links und rechts der Straße boten Menschen auf Decken ihre Habseligkeiten an. Die riesigen Plattenbauten sind bewohnte Ruinen, tiefe Risse, abgeplatzter Beton, freiliegende Eisen. Der zentrale Boulevard eine Schlaglochpiste, in der sich ein FIAT 500 bequem verstecken könnte.

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Am Autogara habe ich doppeltes Glück. Zehn Minuten später fuhr ein Sammeltaxi nach Odessa und ich hatte in dem beengten Gefährt keinen Sitznachbar, konnte meine Beine querstrecken.

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Die fünfstündige Fahrt festigten  die Eindrücke vom Vortag. Riesige Industriekombinate entlang der Strecke, in denen keine Maschine mehr arbeitet. Am Straßenrand Tagelöhner, die auf ein paar Stunden Arbeit warten, die kargen Felder werden noch mit Pferden bestellt, pitoreske Bilder wie ich sie von den Bauernhöfe der Rhön aus dem Jahr 1955 erinnere. Auf den Wiesen eher Schafe denn Kühe, viele Felder lagen brach.

Ein Land wie Moldawien führt die Ursachen von Migration vor Augen. Unseren Reichtum können die Menschen jeden Abend in HD  bestaunen und vor der Haustür Hoffnungslosigkeit. Mauern werden diese Zuwanderung nicht stoppen sondern nur eine Art europäischer Marshallplan mit Investitionen in Wirtschaft und Infrastruktur. Freilich: zur Wahrheit gehört auch, dass Korruption, Vetternwirtschaft und Inkompetenz solche Programme vor Ort schwer machen. Aber besser zwei Prozent in die Entwicklungshilfe denn in Rüstung. Das bringt auf Dauer mehr, auch mehr Frieden.

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Unterwegs kleine Busstationen, unbefestigte Plätze mit einem bescheidenen Kiosk: Tabak, Wasser und Schokoriegel für unterwegs. Toilettenpapier wird blattweise verkauft. Meine Mitreisenden sind in der Mehrzahl aus der Ukraine, wohl auf dem Rückweg vom Urlaub oder von Verwandtenbesuchen.

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Toilette unterwegs

Zwischen Moldawien und der Ukraine liegt Transnistien, ein schmaler Mini-Sprengel von Putin-Verstehern, der sich rund um die Stadt Tirastopol für unabhängig von Moldawien erklärt hat, frei nach dem Offenbacher Motto „lieber bankrott als (bei uns von Frankfurt) annektiert“. Kein Land erkennt diese „Nation“ an und das Auswärtige Amt lässt auf seiner Internetseite wissen, dass ihm die Möglichkeit fehle, Deutschen im Notfall dort zu helfen. Obwohl Moldawien keine Hoheitsrechte ausüben kann, fährt Samstags und Sonntags ein Zug von Chisinau nach Odessa durch Transnistien. Da am Freitag ab Odessa mein Schiff ablegt, war ich auf das Sammeltaxi angewiesen, das einen Umweg fährt und Transnistien auf seinem Weg nur kurz streift. Das sieht dann so aus. Moldawischer Zoll, Duty-Free Shop, zehn Kilometer Niemandsland, vorbei an einigen armen Dörfern und dann ukrainischer Zoll. Aber immerhin scheint sich der Separatismus für einige wenige zu lohnen, wenn ich den Bau von Palastartigen Anwesen richtig interpretiere.

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Die Unterschiede zwischen Moldawien und der Ukraine werden auf den ersten Blick deutlich. Hinter der Grenze sind  Straßen ok, blühende Felder, aufgeräumte Dörfer, üppige Auslagen in den Schaufenstern, Verkehrschaos. Einfaches Niveau, aber eines mit Perspektive.

In Odessa angekommen, hat mich niemand verstanden. Die Adresse meines Hotels, die auf meinem Zettel stand, verursachte nur Kopfschütteln. Eine Straßenbahnfahrerin lud mich ein, fuhr nach meinem Gefühl in die falsche Richtung und übergab mich an Endstation einem Kollegen, der mich dann irgendwo im nirgendwo ohne Erklärung aus der Tram auslud.

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Leider völlig daneben, aber immerhin eine große Stadtrundfahrt mit einer historisch anmutenden Straßenbahn. Ich habe dann für teuer Geld die Google-Karte auf dem Handy aktiviert, mich in einen Bus gesetzt und endlich mein Hotel direkt zwischen Oper und Nationalmuseum gefunden.

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Die Herberge war wieder richtig gut. Zwar wirkte der Eingang über einen Hinterhof etwas suspekt, die Mädels in dem Torbogen waren etwas zu nuttig geschminkt und die Rezeption drittklassig, aber das Appartement für 30 Euro ein Traum. Zwei Stockwerke: oben Schlafzimmer unten ein riesiges Wohnzimmer, tolles Bad, Kaffeemaschine und und und.

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Odessa ist eine schöne Stadt und vor allem, hier pulsiert das Leben, um den Hafen liegt ein riesiges Viertel mit Kneipen, Läden, Restaurants, Musik, voll mit Menschen. Ich entschied mich für eine Italiener. Vorspeise sehr gut, Pizza ganz ok. Mit Bier, Espresso, Martini keine zehn Euro. Kann man nicht meckern.

 

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