
Die ersten drei Stunden auf der Fahrt von Bukarest zur moldawischen Grenze habe ich tief geschlafen, auch dank der moderat eingestellten Klimaanlage. Naja. Die letzte Nacht fehlte. Danach habe ich die Landschaft genossen. Die Landwirtschaft dominiert. Schafe, Ziegen, Kühe. Viele Pferde, kaum Traktoren. Die Bauern kommen noch mit der Harke vom Acker. Immer wieder begegnen mir längst des Bahndamms große Industriekombinate, die geschlossen sind. Die Vegetation beginnt sie gnädig zu überwuchern. Hier werden die Gründe für Migration greifbar. Aber: in vielen Orten wird auch investiert. Es entstehen neue Gebäude, kleine Wohlstandsinseln und vor vielen Gehöften steht ein Auto.
In Yasi an der Grenze ist umsteigen angesagt. Zweimal am Tag rollt eine riesige Lok mit einem Wagen ins Nachbarland. Am Fahrkartenschalter erst mal Stress. Der Computer streikt. Und am Bahnsteig möchte mir niemand sagen, wo der Zug steht. Alle wollen mich von einer Taxifahrt überzeugen. Zum Glück ist rumänisch mit dem Lateinischen verwandt. Ein Gleisarbeiter zeigt in den hintersten Winkel des Bahnhofs. Wagon Rouge verstehe ich.


Bei Abfahrt bin ich alleine im Wagen. Das soll sich an der nächsten Stadion ändern. Dicht bepackt drängen sich Moldawierinnen jeden Alters in die Abteile. Kleiner Grenzverkehr.

Nach kurzer Fahrt die Grenzbrücke. Der Zöllner will meine Pass nicht mehr zurückgeben. Nach anfänglicher Nervosität wird mir der Grund klar. Er examiniert seine junge Kollegin und befragt sie nach den zahlreichen Stempel und Visa. Zum Abschied verwickelt er mich freundlich in ein kleines Gespräch und will von mir wissen wie mir Russland gefallen hat. In diesem Teil der Welt ist die Meinung der Menschen zu dem mächtigen Nachbarland gespalten. Ich entscheide mich für Putinversteher und liege richtig. Bei meinem „Very good“ beginnt der Beamte zu strahlen und ich darf trotz Verbot im Zollbereich Züge und Gleise fotografieren.


Der Bahnhof ist ein tolles Gebäude dessen Glanz noch nicht erloschen ist und nach langem Suchen finde ich auch eine Frau, die Tickets verkauft. Sie machte gerade ein Schwätzchen mit ihrer Kollegin von der Auskunft. Ist ja nicht mehr viel los hier, obwohl einmal am Tag der Zug aus Moskau hier Halt macht. Mit dem Express fahre ich dann Richtung Chisinau, der Hauptstadt Moldawiens. Der Unterschied zu Rumänien ist krass. Moldawien ist bitterarm.



Die Lok rumpelt kaum schneller als mit dreißig Kilometer pro Stunde über die ausgelutschten Gleisen. Die Hütten in den Dörfern am Rande oft verfallen, ebenso die riesigen Kombinate entlang der Strecke. Die einzigen Betriebe, die ich während der drei Stunden gesehen habe, produzierten Sand und Kies. Auf dem Acker ziehen Pferde den Pflug. Die Felder wirken karg. Der Mais, der fünfzig Kilometer weiter in Rumänien blühte, verdorrt hier am Halm. Vor den Gehöften sorgen Brunnen für die Wasserversorgung. Vor den Häusern sind keine Auto zu sehen. Migration hat Gründe. Auch in Europa.

Chisinau ist ein Museum für den real existierenden Sozialismus. Plattenbauten mit armdicken Rissen soweit das Auge reicht. Die Boulevards trotz der angenehmen Temperaturen leer. Die Terrassen der Cafes wirken ausgestorben. Meine Bleibe erinnert an die Interhotels der Siebziger. Das Restaurant ist in seiner Tristesse zwischen Plüsch und Kitsch fast ein Kleinod. Geldwechseln wie weiland in der DDR. Nur eines vermisse ich: den guten alten Intershop.

Trotzdem es hat eigentlich Spaß gemacht, auch weil ich Glück mit dem Essen hatte. Richtig lecker. Ja und 40 Euro hatte ich getauscht. Nach Essen, Zug, Bus und am nächsten Morgen fünf Stunden Minicar bis Odessa hatte ich immer noch über 20 Euro übrig. Nur will mir in der Ukraine niemand das Geld zurücktauschen.