Dienstag, 13. Dezember 2016,Bangkok

 

Relaxen im Hotel. Das Frühstück ist sehr gut. Der Pool auch, wenn man ausblendet, dass er von Wolkenkratzern eingerahmt ist. Das Vergnügungsviertel ist nah. Um die Nachbarschaft zu ahnen, muss man die Unterkunft noch nicht einmal verlassen. Es genügt, ein Blick zum Nachbartisch oder auf die Liege gegenüber. Ältere Herrn, +/- 60 Jahre alt, und Mädels, die mindestens 40 Jahre jünger sind. Meist im Schweigen verbunden -jedenfalls im öffentlichen Bereich- weil das mit Fremdsprachen so eine Sache ist. Naja. Eigentlich finde ich es ja gut Mann zu sein. Aber manchmal auch nicht.

Nachmittags an  all den Bars vorbei (No thank you, Maybe tomorrow, I´m tired) zur Wäscherei nebenan. Aber auch an fleißigen Frauen vorbei, die Wurst verkaufen (28 Grad?) oder eine kleine Näherei auf der Straße haben.

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Abends wieder Richtung China Town zu T+K. Heute muss ich richtig lange in der Schlange warten. Werde mit einer jungen Dame, die auch alleine ist, zusammen an einem Tisch platziert. Nach ein paar Worten in Englisch stellen wir fest: wir kommen aus der Region Frankfurt, gestehen, dass wir eigentlich Offenbacher sind. Sie aus Bieber, ich habe da gearbeitet, also sind wir fast Nachbarn. Sie hat ein halbes Jahr in Australien studiert und macht jetzt noch einen stop over in Bangkok.

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Die Prawns mit Glasnudeln und Gemüseplatte sehr, sehr spicy. Die Austern vorzüglich, aber ich habe mir wohl eine  Virus  gefangen. Aber das habe ich erst am nächsten Morgen gemerkt.

Zurück mit der U-Bahn.

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Was ich zum Schluss noch zu China sagen wollte:

  1. Warum reise ich nach Südostasien?

    Meine erste Tour Richtung „Ferner Osten“ machte ich in 2010. Vorher gab es für mich eigentlich nur drei Ziele: Abenteurer: Naher Osten, Relaxen: Griechenland oder Italien. Portugal vielleicht noch. Freiheit und Wohlfühlen: natürlich nur in den USA. Westküste, Route 66, Las Vegas, Rocky Mountains. Ich könnte dort jedes Jahr hin.Amerika, das war in meiner frühsten Jugend so etwas wie das „gelobte Land“. Als vierjähriger Bub stand ich mit meinen Freunden im Jahr 1954 am Straßenrand wenn die GIs in langen Wagenkolonnen ins Manöver fuhren. Wir riefen „Chocolate“. Und ab und zu warf dann ein wohlgenährter Texas-Boy ein Päckchen Kaugummi oder eine ganze Tafel Hersheys aus dem Wagenfenster. Bei uns im Haus lebten drei amerikanische Familien und die bekamen ihre Vollmilch, die es bei uns nur zu besonderen Anlässen gab, täglich mit einem kleinen Transporter gebracht. Was muss das für ein Land sein, das die Milch mit dem Auto bringt während ich mit der Kanne Kilometer laufen muss, fragte ich mich immer wieder.

    Und diese „Affinität“ zu den USA überstand auch die sechziger Jahre. Aus der einen Seite der Vietnamkrieg, gegen den ich mich engagierte, und auf der anderen Seite die Nächte im NCO Club mit den gleichaltrigen Soldaten: Musik, Zigaretten, Whiskey. Und irgendwie tickten viele von denen wie wir.

    Ja und dann 2008 und 2009. Die Tour 2008 (Wahljahr Obama) führte in den  Norden von den Industriebrachen Milwaukees Richtung Seattle, San Francisco und Denver. Immer mit dem Zug. 2009 mit Zug und Bus vom Sonnenaufgang in Atlantic City zum Sonnenuntergang nach San Diego.

    Im Zug ist Zeit für Gespräche jenseits der Oberfläche. Und mit jedem Tag meiner Touren in 2008 und 2009  verstärkte sich das Gefühl in mir: Ich fahre hier nicht durch die Vereinigten Staaten sondern durch einen Kontinent dessen Menschen in verschiedenen eher feindlich verbundenen Sphären leben. Die Verbohrtheit und Ignoranz gegenüber der restlichen Welt im „mittleren Westen“. „Is Germany a Democracy?“ – so pauschal und undifferenziert habe ich unser Land anschließend noch nie gepriesen. Und die fast libertäre Aufgesetztheit auf der anderen Seite in Kalifornien.

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    Ja und dann der Moment, der alles veränderte. Ich fotografierte in Kalifornien wie acht Lokomotiven bis zu zwei Kilometer lange Züge den Cajon Pass hochzogen. Auf dem Weg vom Hafen in Long Beach nach Chicago. Alle prall gefüllt mit Waren aus Japan und China. Und leer zurück. Vier Gleisen führen im Abstand von 100 Metern  steil bergan. Der Hill 582 ist der Treffpunkt für Eisenbahnfotographen dort.

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    Mit mir warteten auf dem Hill 582 zwei Amerikaner in meinem Alter auf das nächste Motiv. Wir schwätzten. Und ich fragte sie nach den hunderten von Apotheken, an denen ich tags zuvor direkt hinter der mexikanischen Grenze  auf dem Weg in die Innenstadt von Tijuana vorbeilief. „Da kaufen wir unsere Medikamente, weil sie dort billiger sind“, erhielt ich zur Antwort. „Wir sind nicht krankenversichert“. Einer der beiden war normaler Büroangestellter, der andere in den siebziger Jahren als Kampfpilot in Kaiserslautern stationiert, also jemand dem Deutschland seine Sicherheit anvertraut hatte.

    Mein Gedanke war in diesem Moment eher schlicht: „das sind unsere Verbündete, die uns beschützen sollen“. Und ich wurde neugierig wie es sich den Staaten um die andere Weltmacht „China“ lebt.

    Malaysia, Singapur, Thailand, Laos, Indonesien, Kambodscha, fünfmal Vietnam und Myanmar waren seitdem meine Ziele. Zuerst die Peripherie mit Bus, Bahn, Schiff und Rucksack quer durchs Gebirge und die Pampa. Ja und dann zum Schluss in den vergangenen beiden Jahren das Zentrum der Region:  China. Ich habe eine Welt kennengelernt. So anders, so faszinierend.

  2. China und seine Nachbarn

    Chinas Nähe, auch wenn der Abstand einige tausend Kilometer beträgt, ist überall in Südostasien spürbar.myanmar
    Bei Maria in Myanmar

    Ich erinnere mich noch gut an jenen Abend in Thazi in Myanmar in dem kleinen Restaurant von Maria. Eher ein Verschlag, ein paar Bretter um die Betten,  aber man musste hier eine Nacht verbringen, um mit dem Frühzug in die Berge zu kommen. Maria kochte sehr gut. Shan Küche. Irgendein Traveller hatte ihre Speisekarte in verschiedene Sprachen übersetzt. Sie stammte aus einer privilegierten Familie. Der Vater General in dem Regime, das sich gerade öffnen musste, ihr Bruder im Widerstand und nach Kanada emigriert, und sie hoffte auf das kleine Glück  für ihr Land wie in Malaysia, das sie immer wieder als Beispiel nannte.

    Aber sie erzählte mir auch wie ihr Land, das zu den ärmsten auf dieser Welt gehört, mit Billigimporten aus China überschwemmt wird. Electronic Schrott, der nach kurzem Gebrauch unbrauchbar ist, vor allem aber billiges Geschirr aus Plastik und Textilien. Die Folge: Schmiede, Korbflechter, Webereien müssen im Land schließen. Existenzen werden vernichtet.

    Oder ein zweites Beispiel: China wollte den Mekong in Laos von Kunming aus schiffbar machen. Ein Projekt, an dem bereits die Franzosen gescheitert sind. Zum Glück. Denn am Mekong leben unzählige Landwirte  vom Anbau von Gemüse und Früchten. Das jährliche Hochwasser macht die Ufer fruchtbar für drei bis vier Ernten. Die Zeit scheint unendlich, wenn man auf dem Slowboat den Fluss hinabfährt und die vielen kleinen Bauern beim Pflanzen beobachtet. Mit der Begradigung des Flusses würde Landwirtschaft dort unmöglich.  Oder Malaysia, wo der Spannungsbogen zwischen der frohen und gelegentlich trinkfesten Lebensweise der chinesischen Minderheit und der Frömmigkeit  im eher muslimisch konservativen Norden während des Ramadans unübersehbar ist.

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    Schnellbahntrasse ins Leere Richtung Grenze. Und weil wir eh dabei sind, gleich noch eine Autobahn

    Laos, Myanmar, Vietnam und Thailand: diese vier Länder sind neben der Seidenstraße die  Optionen für Chinas Transportwege Richtung Europa und Afrika. China hat eine lange Küste aber seine Container-Frachter müssen nach dem Auslaufen immer hart an der 12 Meilen Zone von Drittstaaten fahren. Die Routen nach Europa und Afrika  ließen sich  von der Entfernung deutlich verkürzen, wenn China thailändische oder birmanische Häfen nutzen könnte (abgesehen von der Umgehung des Piratenproblems an der indonesischen Küste). Also baut man Bahnlinien in Richtung Laos und Myanmar, die an der Grenze  im Nirwana  enden. Das sind keine Nebenstrecken sondern Schnellbahntrassen, zweigleisig für die Hunderte von Kilometer Tunnel gesprengt und riesige Brücken gebaut wurden. Dimensionen wie bei der Alpendurchquerung in Europa. Das gleiche alles nochmal in Richtung Seidenstraße durch 2.000 Kilometer Wüste. Das ist alles so als würden wir in Europa fünfmal Stuttgart 21 nebst fünf Trassen Richtung München bauen in der Hoffnung, dass eine Karte sticht. Über welche gewaltigen Ressourcen muss dieses Land verfügen. Nebenbei: kein Wunder, dass Obama nach seiner Wiederwahl als erstes Land Myanmar besuchte. Die einen wollen bauen und die anderen verhindern.

  3. China auf dem Weg zum Exporteur von Qualität

    Chinas Bahnen ein Exportschlager und Beispiel für seine Rolle als künftiger High-Tec-Exporteur? Ja. Uneingeschränkt. Vor hundert Jahren haben deutsche und britische Ingenieure die wichtigsten Eisenbahnlinien dieser  Welt gebaut. Heute gewinnen die Chinesen in Südamerika, in Afrika und in Asien alle wichtigen Ausschreibungen für Bahnnetze. China verkauft nicht Strecken, Loks oder Waggons einzeln sondern integrierte  Systeme im Paket von den Gleisen über die Wagen, Bahnhöfe  bis hin zum Ticketing und der Security. China hat in den letzten zehn Jahren 12.000 Kilometer ICE-Strecken gebaut: in Regionen mit Permafrost im Himalaya und im subtropischen Klima im Süden. Tempo 300 in Zügen, die bequemer sind als die unsrigen, die immer pünktlich sind, die in dichtem Abstand fahren. Dazu werden in jeder größeren Stadt 100 von Kilometern U-Bahnen gebuddelt.

    Die Fahrkartenautomaten versteht man ohne chinesisch Kenntnisse, also funktionieren sie auf der ganzen Welt. Dazu: wer es schafft die Millionen-Fahrgäste in Shanghai wie am Flughafen inklusive Gepäck auf Sprengstoff abzuchecken, an jeder Station ohne Warteschlangen, der hat die Lösung für ein Problem, das in Zukunft den Verkehr in den Städten bestimmt.

    In den nächsten zehn Jahren wird auch die DB AG ihre Fahrzeuge im Fernen Osten bestellen. Da bin ich sicher. Die Bahnen sind ein Beispiel wie China auf dem Weg zu der führenden Exportnation ist. Die nächsten Geschäftsfelder werden der Flugzeugbau und die Automobilherstellung sein.

  4. China und die E-Mobilität.

    Der Motorroller hat in Südostasien lange das Fahrrad abgelöst. In der City von Shanghai werden 80 % der chinesischen Vespas elektrisch angetrieben.p1050504In anderen Städten Chinas aber auch in Vietnam nimmt die Zahl der Elektroroller  rasant zu. Logisch: Bei der dichten Besiedlung ist Luftverschmutzung ein alles beherrschendes Thema.
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    Das ist nicht die VW Vertretung in Chengdu sondern ein normaler Parkplatz dort

    Im Bereich PKW: Volkswagen (VW) bietet in China zur Zeit der japanischen Konkurrenz Paroli. Auch Audi, BMW und Mercedes sind stark vertreten. Ich habe gelesen (und kann es immer noch nicht glauben). VW verkauft fast jedes zweite Auto in China. Am Jahresende läuft die Förderung des Kaufs von Neuwagen in China aus. Als Kämmerer in Baunatal oder Wolfsburg würde ich nicht nur wegen des Dieselgates nervös.

    Zwischen all den Wohnmaschinen und der dichten Bebauung hat die traditionelle Motorisierung wie sie bei uns immer noch gepredigt wird, auf diesen Zukunftsmärkten keine Chance. Deshalb switcht VW auf Elektro um, gegen den Deutschen Trend. Der asiatische Markt wird langfristig der Markt mit den höchsten Zuwachsraten sein. VW setzt in der Entwicklung von Zukunftstechnologien nicht mehr auf die europäische Karte.

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    Alltag für Mopeds und E-Mobilität  in China. Alternativ passen auch drei Personen auf den Rücksitz und der Fahrer schreibt dabei noch eine sms

    In Offenbach machen wir ja auch versuchsweise auf E-Mobilität. Wenn ich die Dimensionen mit den zwei Autos und zehn Pedelecs, hoch subventioniert, mit dem millionenfachen Praxistest unter härtesten Bedingungen in China vergleiche, dann ist unser Vorhaben zu nichts nutze,  allenfalls rührend für grüne Gemüter. Das Geld hätte man besser für die Schlaglochsanierung genommen. China denkt bei diesen Projekten in der Dimension von Millionenstädten und die Region Rhein Main schafft es das gleiche E-Mobilitätsprojekt zehnmal parallel aufzulegen.

  5. China und seine Vergangenheit

    China ist ein Gigant. Aber dieser Gigant hat in der Vergangenheit bittere Erfahrungen mit dem Ausland gemacht, die fest in der DNA jedes Chinesen eingebrannt sind. Im Museum in Shanghai werden diese Erfahrungen sichtbar. Die Quasi Kolonialisierung bis ins 20 Jahrhundert. Beispiel Opiumkrieg. Britische Kaufleute (heute würde man sie Drogenkartelle nennen) machen im 19. Jahrhundert Millionen von Chinesen Rauschgiftsüchtig und werden von der britischen Regierung geschützt. Beispiel Internationale Zonen in Shanghai. Jedes Geschäft mussten sich die Chinesen  von den Besatzungsmächten genehmigen lassen. Gerichtsbarkeit lag bei den Briten und Franzosen. Bei Verstößen gab es drakonische Strafen. Da hängt ein Bild wie um 1920 britische Soldaten vor den abgeschlagenen Köpfen von Chinesen in die Kamera posieren. So ähnlich wie auf den Videos vom ISIS. Man kann deshalb die Zurückhaltung Chinas gegenüber dem Ausland schon ein wenig verstehen. Aber es ist unübersehbar. Das Land öffnet sich, weil Isolation auf Dauer keine Zukunft hat.

  6.  China und die Risiken

    Der forcierte Wohnungsbau in China kann zu einem Problem werden. Nicht in Shanghai aber auf dem Land, wo es den Anschein hat, dass bis zu 80 Prozent der riesigen Wohnmaschinen leer stehen. Im Beton stecken die Altersrücklagen der neuen Mittelschicht auf die das Land angewiesen ist.

    Die Schere zwischen Stadt und Land, zwischen Arm und Reich scheint sich zu öffnen. Aber auch Chinas Mittelstand scheint zu wachsen. Die Fußgängerzonen in Shanghai oder in Wuhan stehen denen in Mitteleuropa um nichts nach.

    Die Umweltsituation (Smog) ist gelegentlich in den Städten dramatisch.

    6. Empfehlung

    Unbedingt nach China reisen. Ein faszinierendes Land mit einem riesigen kulturellen Erbe. Und das Land ist im Umbruch. Die Veränderungen sind greifbar. Und man kann hier relativ preiswert wohnen, zwischen den Zentren superschnell und bequem  Zug fahren und prima essen.

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