Ich nehme den Frühzug morgens um sechs. 36 Stunden Fahrt aber nur eine Nacht in der Bahn. Das Taxi übers Hotel bestellt. Ein Drittel des Fahrpreises der Hinfahrt. Wir reden hier von einem Euro statt drei. Nicht Jammern aber ich bin froh, dass ich vier Tage zuvor die Stadtrundfahrt, mit der das Taxi-Schlitzohr mich abziehen wollte, verhindert habe. Ich kaufe in der Halle Kekse und Cola. Mit vietnamesischen Speisewagen habe ich sehr schlechte Erfahrungen. Schnell mache ich noch ein Foto von der Lok. Das Gebäude lohnt eigentlich kein Bild. Die alte koloniale Station ist von den Amerikanern während des Krieges zerbombt worden.


Die Strecke Hanoi – Saigon durchquert das lange und schmale Land fast von oben nach unten. Sie ist das Herzstück von Vietnam Rail. Ihre Rekonstruktion war eines der ersten Projekte der Regierung nach der Beendigung des Krieges, ein Vorhaben mit hohem Symbolwert, um die beiden Teile des Landes wieder zu verbinden. Die sechs bis acht Züge pro Tag in jede Richtung heißen denn auch „Wiedervereinigungsexpress“.
Im Abteil begrüßen mich schon zwei Mütter, die sich die Liegen unten jeweils mit ihrem Kind teilen und ein junger Mann. Wir sind also insgesamt sechs Personen. Ich verlängere erst mal meinen Schlaf um drei Stunden, was nicht so einfach ist, denn der kleine etwa sechsjährige Sohn ist hyperaktiv, während das Mädel ein ganz Liebes ist. Als ich mich dann von meinem Hochsitz nach unten bewege, nehmen mich die beiden Kids für den Rest der Zugfahrt in Beschlag. Unser beliebtestes Spiel: Ich sage einen deutschen Satz und sie rennen durch den Zug und wiederholen die Worte. Nach Stunden lehre ich sie rufen: „Ich bin hier nicht das Kinderprogramm“, hat aber auch nicht geholfen. Stattdessen schauen andere Kinder vorbei, deren Mütter mich dankbar anlächelten.



Abends dann auf ein Bier in den Speisewagen. Habe so eine verrückten Australier getroffen, der auch immer mit dem Zug fahren muss. Der war etwa fünf Jahre älter wie ich und plant die längste Zugreise der Welt von Nordkorea nach Moskau, sieben Tage. Auch eine Idee (Müller für den Sch… bist Du zu alt)


Der Australier fährt nur Holzklasse. Aus dem Rückweg in mein Abteil bekomme ich in Bild davon, was es heißt hier zu nächtigen. Überall auf der Erde liegen Menschen auf Decken und Matten. Ich traue mich nicht über dem Gang, weil ich Angst habe, auf jemanden zu treten. An der nächsten Station Da Dang steige ich aus und marschiere über den Bahnsteig zurück.

Mir bleibt meine etwas bequemere Pritsche.

Zeit für ein paar Worte über Vietnam.
Das Land hat einen sehr ambitionierten Plan: ausgehend vom Beginn des 21. Jahrhunderts möchte es in kaum 20 Jahren vom Entwicklungsland zur Industrienation aufsteigen. Die realen Wachstumsraten sind in den letzten Jahren mit so um die sieben Prozent beeindruckend. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf stieg von 800 Dollar (2006) auf über 2000 Dollar im Jahre 2016. Im Hinterkopf bitte immer bedenken. Hier leben etwa 90 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum beträgt jährlich etwa 1,5 Prozent. Diese 1,5 Prozent müssen erstmal erwirtschaftet werden, damit der Wohlstand pro Kopf stabil bleibt. Ratschläge auf internationalen Konferenzen und gut meinenden Menschen von quantitativen auf qualitatives Wachstum umzusteigen, helfen hier erstmal nicht, es sein denn die Regierung würde ihren politischen Selbstmord planen.
Die Mehrheit der Bevölkerung lebt nach den Regeln von Konfuzius. Das ist keine Religion sondern eine Art Kombination zwischen Ahnenkult und Lebensweisheit. Sozialismus und Konfuzianismus sind eine Liaison eingegangen, die auf den ersten Blick schwer zu verstehen ist. Es ist ein festes Schema von Hierarchien bei Konfuzius: wohlhabend vor weniger bemittelt, reich vor arm, Mann vor Frau. Ääähh? Der Sozialismus strebt doch die Gleichheit an? Dafür standen wir doch 1968 im Strahl der Wasserwerfer. Die Jungs denken hier nicht so ideologisch. Konfuzius hat ein festes Regelwerk fürs Leben, die Kommunistische Partei ist in Kaderstrukturen organisiert. Passt doch und ergänzt sich super. Und dann hat das Politbüro noch verkündet: wir gängeln die Klein- und Mittelbetrieb nicht in Ihren wirtschaftlichen Aktivitäten. Und was lesen wir bei Konfuzius: Wir streben nach drei Dingen: Geld, Wohlstand und Reichtum. Und das machen die Vietnamesen pausenlos. Das ganze Land scheint eine einzige Familie von Duracell-Hasen zu sein.
Auslandsinvestoren werden alle Wege geebnet. So mal kurz dreißig Kilometer Autobahn für eine neue Fabrik. Kein Problem. Am Jahresende wird eingeweiht. Aber: Man darf nicht nur die riesigen Hallen von den japanischen Herstellen wie Canon oder den deutschen Hemdenschneidern von Seidensticker sehen sondern man muss sich die Parkplätz davor anschauen. Tausende von Mopeds und Bussen für den Transport der Arbeiter. Ja und dann denke ich. Die Halle ist ja groß. Aber es sind ja wenn ich mir die Mopeds anschaue verdammt viele Menschen, die hierher zum Arbeiten kommen. Muss ja verflucht eng darin sein. Die Erklärungen europäischer Hersteller nach Brandkatastrophen von Fabriken in der Dritten Welt nach dem Motto „Nix geahnt“ sind wenig glaubhaft. Man muss noch nicht mal in die Halle. Ein Blick auf den Parkplatz genügt.
Die Idylle bekommt Risse. Der Wohlstand der Menschen in dem Land wächst. Kein Zweifel. Aber auch die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Wenn Abends die Kids der Superreichen mit ihren Ferrari und Maserati um den Hoan Kiem See ihre Runden drehen, dann beginnen die einfachen Leute, die Tag und Nacht schuften, zu ahnen: „Konfuzius hin oder her. Da komme ich nie hin“. Die Zahl der „illegalen Streiks“ steigt dramatisch. Also: „Illegale Streiks“ das klingt so aufrührerisch. Es sind ganz normale Streiks wie bei uns, nur halt im Sozialismus heißen sie „illegal“.
Religionen dürfen frei wirken, solange sie kein soziales Engagement über den Kindergarten hinaus zeigen. Die Gottesdienste beispielsweise in den Kathedralen von Hanoi und Saigon sind überfüllt. Manchmal im Schichtbetrieb fünfmal am Sonnntag, obwohl nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung Katholisch sind. Der Gedanke allein, Papst Franziskus käme in das Land und mahnt gemeinsam mit den regierungskritischen Strömungen des Buddhismus Reformen an, lässt grüne Pickel im Gesicht der Funktionäre sprießen.

Konfuzianismus ist auch eine Art Ahnenkult. Die Leute gehen in die Pagoden und senden den Verstorbenen Dinge, die sie für das Leben im Jenseits brauchen. Immer nach der Maßgabe: Geld, Reichtum, Wohlstand. Es werden Räucherstäbchen angezündet und ein (Spielzeug-) Porsche vor den Docht gestellt oder ein nachgedrucktes Bündel Dollars. Natürlich dürfen die Vorfahren auch nicht verhungern. Deshalb werden Essen und besonders Süßigkeiten mitgebracht. Die verzehren die Hinterbliebenen dann selbst, wenn das Räucherstäbchen verglüht ist. Mir haben die Stapel von Bierdosen in den Pagoden gefallen, die anschließend ausgetrunken werden. Ich habe mir dann immer vorgestellt: Ich rufe daheim in die Küche: „Frau, ich muss mal schnell auf den Friedhof. Opa hat Durst auf drei Weizenbier“.
Thema Plagiate: Konfuzius lehrt: Ihr sollt danach streben, so perfekt wie der Meister zu werden. Deshalb hat hier niemand ein schlechtes Gewissen, Produkte zu imitieren. Er hat stattdessen das Gefühl, etwas Besonderes zu leisten. Bei meinem ersten Besuch, hatte ich Probleme mit meiner Kamera. Also habe ich mir eine kleine Pocket-Knipsie gekauft. Was macht ein einfach strukturierter Deutscher. Er rennt dorthin wo er sich auskennt. Und da stand vor sieben Jahren mitten in Hanoi ein riesiger Media Markt. Schriftzug über der Tür, Wegweisung, Werbeprospekt, Deko, alles 1:1 wie bei uns in Dietzenbach oder im dez in Kassel. Dumm nur, dass mir später jemand, der in Hanoi lebte, erzählt hat, mit unserem Media Markt oder der Metrogruppe habe dieses Geschäft soviel zu tun wie eine Vegan-WG mit Burger King.
In Hanoi kann man in einschlägigen Straßen von Rembrandt über Monet bis hin zu Andy Warhol jedes Bild dieser Welt im „Original“ kaufen. Bezahlt wird für die Kopien nach Quadratmetern. Die Qualität ist oft erstaunlich. Auch hier: kein Ansatz von schlechtem Gewissen: man will nur dem Meister ähnlich werden. Nur: wer die Imitate knipsen will, der bekommt mit den Plagiatoren richtig Ärger. Aber mittlerweile werden diese Läden weniger, es eröffnen mehr echte Galerien, die richtige Originale der heimischen Szene präsentieren.

Und zum Schluss: Onkel Ho, also Ho Chi Minh: Ich habe es immer noch nicht geschafft, den einbalsamierten Körper im Mausoleum anzuschauen. Eigentlich habe ich auch keine Lust drauf. Vor einigen Jahren gab es unter Jugendlichen hier eine Umfrage: 7 Prozent konnten den Namen zuordnen. Über 90 Prozent kannten Bill Gates. Und wenn man den Dresscode und die Frisuren der urbanen Jugend hier studiert, dann lassen sich die Vorbilder erahnen. Brad Pitt und Andy Jolly.
In Saigon habe ich auf einer früheren Reise Jugendliche beobachten können, die Sonntagmorgen ihren Politunterricht im Park hatten. Professionelles Desinteresse.


Zurück in den Zug
Natürlich ist mein kleiner hyperaktiver Bub morgens um 5 wach und unterhält das Abteil mit einem weiteren Kind aus dem Nachbarcoupé, das auch schon stimmenmäßig total gut drauf ist.

Die beiden Frauen bereiten (Instant-) Suppe vor mir bleibt ein karges Frühstück mit einer Art Käse in einem Biscuit und ein sehr süßer Kaffee von der Minibar.

Während am Tag zuvor Reisfelder das Leben links und rechts des Bahndamms prägten, dominieren jenseits der Wolkenpasses südlich von Hue, der das Land auch klimatisch trennt, Plantagen. Es sind wohl meistens die Stauden für die köstlichen kleinen Bananen, die wir in unserem genormten Chiquita-Europa kaum kennen.





Reis anzubauen scheint ein mühsames Geschäft. Im Gegensatz zum Gebiet zwischen Lao Cai und Hanoi werden hier manchmal Maschinen eingesetzt, um den Boden zu beackern. Dort wurden die Pflüge noch von Ochsen und Kühen gezogen. Dann pflanzen Frauen die Setzlinge in den Morast. Ich denke mir, dass doch bei den Temperaturen und dem vielen schlammigen Wasser Scharen von Mosquitoes die Arbeit zur Hölle machen.

Manchmal nieselt es ein wenig. Aber spätestens nach 100 Kilometern ändert sich das Wetter wieder. Haupttransportmittel sind Mopeds und Fahrräder.

Ab und zu ist die Küste zu sehen. Traumhaft, trotz der dichten Wolkendecke.
Vietnam ist fast 2.000 Kilometer lang. Eingeklemmt zwischen Bergen und dem Meer. Der ebene Küstenstreifen ist meist sehr schmal. Hier Krieg zu führen, ist nicht nur jenseits unseres Wertecanons sondern auch von den Chancen her schlicht dumm. Liebe Amis: Einfach nur im Geographieunterricht aufpassen und Plan B machen. Und nach Laos mit seinem fast durchgängigen Regenwald, und nach Kamabodscha mit den riesigen Seen zwischen dem Dschungel einzumarschieren, war auch nicht wirklich intelligent.

Ich suche Billy Joels „Saigon“ auf meinem MP3 Player, der hier die Grausamkeiten des Krieges selbst erlebt hat.
We, held the day
In the palm of our hands
They, ruled the night
And the night, seemed to last as long as six weeks
On Parris Island
We held the coastline
They held the highland
And they were sharp
As sharp as knives
They heard the hum of the mortars
They counted the rotors
And waited for us to arrive
Bei meinem ersten Besuch in Vietnam war ich in jener Zone in der Nähe von Saigon, die für den Vietcong in den ersten Tagen des Krieges als bereits befreit galt. Es gibt dort so eine Art Themenpark „Vietnamkrieg“, ich vermeide das Wort Disney-Park, das auch nicht wirklich falsch wäre. Mittelpunkt ist ein Schießplatz für Jedermann. Angeblich kann man da auch gegen Dollar mit einer Panzerfaust auf Tiere schießen.
Ich hatte Pech: die Führerin meiner Gruppe delektierte sich bei der Vorführung an der Vorstellung wie die Soldaten bei all den Bambusspitzen, vergifteten Ästen, Nagelbrettern etc litten. Die älteren Vietcong, die die Nachbargruppen begleiteten und hier selbst gekämpft hatten, sprachen eher mit der Achtung und Erfahrung der Veteranen, die die Grausamkeiten selbst erlebten.

Falle

Ein Versteck für Stunden

Da sind die durchgekrabbelt.


Unvorstellbar auf diesen Dschungelwegen mit all den Fallen zu marschieren. Unter der Erde ein Höhlensystem mit Kliniken, Schlafräumen, Küchen, Einsatzzentralen und und und. Ich habe mir die Modelle angeschaut. Einige aus der Gruppe sind in die Gänge, die schon für westliche Schultern verbreitert worden sind, rein und sind fluchtartig umgekehrt. Ein junger Japaner kam nach 35 Metern wieder an der Erdoberfläche. Schweißgebadet und Leichenblass.
Zurück zur Gegenwart
Pünktlich am Nachmittag erreicht der Zug Saigon. Foto machen. Taxi (ohne Abzocke). Hotel am Flughafen.

Meine letzte Lok trägt die Nummert D19E – 938. Sie bringt mich die letzten 500 Kilometer von 18.000 KM nach Saigon.
