Hanoi. Bei meinem ersten Besuch vor sechs (oder waren es sieben) Jahren habe ich mich spontan in die Stadt verliebt. Nach einer zweitägigen Fahrt im Slow-Boot auf dem Mekong durch den Regenwald von Thailand nach Luang Prabang kam ich abends mit einem kleinen Playmobil-Flieger der Air Lao in Hanoi an. Der erste Eindruck: Chaos. Auf der Autobahn vom Flughafen irrten dem Bus immer wieder Motorradfahrer und Eselskarren entgegen, letztere so eine Art „Geister-Muli“. Ich hatte ein ziemlich einfaches Hotel hinter dem Bahnhof inmitten eines Marktes voller Leben, auch noch zu später Stunde.
Mit einer Freundin meines Sohnes war ich gegen 23 Uhr verabredet. Sie besuchte mit einigen Entwicklungshelfern, die die Stadt kannten, ein Jazz-Konzert im Französischen Kulturzentrum. Anschließend einige Drinks in einer Bar, die an lang vergangene Kolonialzeiten erinnerte.

Am nächsten Tag führte uns Christian Oster durch die Altstadt. Der Journalist aus Freiburg ist hier verheiratet, lebt mittendrin, arbeitet für Radio Hanoi, organsiert Touren und Führungen. Kanzler wie Schröder hatte er bereits begleitet, später Guido Westerwelle, Sigmar Gabriel und viele andere Politiker. Aber auch eine Fernsehköchin, die hier die Fortsetzung ihrer Feinschmecker-Soap drehen wollte.

Ich kann mich genau an die erste Gasse erinnern, die er uns vorstellte. So eine Art Medizin-Arkade. Auf der einen Seite alte weiße Frauen, die den Menschen in die Augen oder auf die Haut schauten und gegenüber die Apotheken mit riesigen Bauchflaschen in denen Schlangen und Käfer in einer undefinierbaren Brühe einbalsamiert waren. Mit der Diagnose auf einem Zettel wechselte man auf die andere Seite des Weges und erhielt seinen Zauberrank. Und dann die Kaffeestraße mit den kleinen Läden, die noch selbst die Bohnen abfüllten. Ich fühlte mich wie im Mittelalter als die Zünfte in Europa das Wirtschaftsleben prägten: eine Gasse für Kinder, für Schreiner, für Süßigkeiten, mit Schmieden, für Leder und für Tuch. Ich bin später viele Stunden durch das Gewirr gestromert.36 Gassen sind es und in jeder von ihnen dominiert ein anderes Gewerbe. Konnte mich nicht satt sehen. Frauen, die einen ganzen Topfladen auf dem Fahrrad transportierten, Glaser, die mit dem Motorroller vier Quadratmeter Schaufenster auslieferten (den Anblick hat jeder Physik-Lehrmeinung widersprochen), fliegende Straßenhändlerinnen mit einer Stange und zwei Schalen Obst feilboten.

Unsere Gruppe besuchte Nudelküchen: Feuer und einige Kinderhocker auf der Straße und im Kessel köchelt die beste Suppe der Welt. Frisch mit Huhn, Fisch oder Schwein. Jedes dieser kleinen Restaurants hatte sein eigenes besonderes Rezept für die Zutaten.

Über 70.000 Menschen leben hier in der Altstadt. Berliner Hinterhöfe sind dagegen ein Idyll. Oft läuft man über 50 Meter durch einen ein Meter breiten Gang, kaum 180 Zentimeter hoch, um zu dem hintersten Eingang zu gelangen. Ich erinnere mich an ein Restaurant, das irgendwo ganz hinten um ein offenes Feuer gekocht hat. Köstlich. Die Besitzerin, 1,40 Meter groß, lebte wie in einem Schwalbennest, das oben an der Wand kurz vor der Decke irgendwie befestigt war. Bundesdeutsche Bauaufsichten hätte der Schlag getroffen auch wegen der Elektroleitungen, die in einem bizarren Gewirr, das niemand mehr zu entknoten vermag, überall rumhängen.
Es ist jetzt mein fünfter Besuch in Hanoi. Ich bin Teil eines Touristenstroms, der für so ein kulturgeschichtliches Kleinod nicht nur Lust sondern auch Last ist. Die Häuser hier stehen noch, aber die Veränderungen sind nicht zu übersehen. Irgendwie verkommt dieser stolze Kern zu einem riesigen Shop für T-Shirts und Lederimitate. Ich kann es den Menschen nicht verdenken. Sie bedienen die Nachfrage und verdienen mit dem Ramsch auch noch besser.
Bei meinem ersten Besuch bin ich nur einmal bei meinen Streifzügen intensiv angesprochen worden, um eine Kappe zu kaufen. Heute passiert das auf Schritt und Tritt und nicht immer mit lauteren Absichten. Meine Turnschuhe müssen unbedingt gewienert werden, so alleine bräuchte ich doch weibliche Begleitung, ob ich nicht mal so eine Stange mit Obst für ein Foto und Bakschisch halten möchte. Man versucht mich in alle möglichen Läden zu zerren.

Immer mehr Bars, Pubs, Pizzerien mit großflächiger Reklame eröffnen. Burger King ist auch schon da. Klar, ist ja auch irgendwie Streetfood. Starbucks wird kommen, da bin ich mir sicher und am besten neben einer Traditionsrösterei. In meinem Lieblingsgeschäft in der Kaffeegasse werden mittlerweile die Regale mit Nescafe gefüllt. Der chinesische Gast will das so. Und den berühmten Kaffee, der in den Bäuchen von Katzen oder Wieseln sein besonderes Aroma entwickelt, gibt es an jeder Ecke in der XXL-Tüte. Mir hat mal jemand, der sich auskennt, gesagt. Wenn der echt wäre, wäre ganz Vietnam von Katzen zugekackt.
Und unten: wo die Altstadt an den See grenzt, bedienen nicht mehr Ober in einem dem wunderbaren Cafés sondern Aushilfen die heute bei Burger King, KFC und Dunkin Donats hinter der Theke stehen.

Der Platz davor wird heute schon ab und zu abends gesperrt. Laute und feuchte Partymeile wie an vielen Orten dieser Welt Man sollte sich beeilen Hanoi zu besuchen. Die nächsten Jahre wird die Altstadt sicher noch faszinieren und ein wenig an ihr Erbe erinnern. Für das nächste Jahrzehnt bin ich eher skeptisch.
Aber den asiatischen Charme mit leichter französischer Intonation gibt es an anderer Stelle weiterhin: Das traditionelle Leben. In den Randbezirken, beispielsweise auf dem Markt hinter dem Bahnhof.

Während die Fische im Wasser noch zappeln….

…ist es mit den Hähnen vorbei.

Fleisch wird auf der Straße zerlegt

Nochmal Fisch

Und wieder Fisch

Käse?

und natürlich Obst, exotische Früchte, Gemüse und Kräuter
Mich zieht es zum Friseur, der in einem Torbogen seinen Saloon hat Endlich Bart stutzen.


Und abends vor den zwei drei Bier Ha Noi (schmeckt wirklich lecker) den Mädels noch ein wenig beim Tai Chi zuschauen.
