Donnerstag, 8. Dezember, Halong – Hanoi

Unverhofft kommt oft und dann manchmal noch viel besser. Ich frühstücke morgens um sechs. Heute ist eine besondere Zugfahrt geplant. Aber schnell noch ein Bild aus dem Frühstücksraum im 9. Stockwerk vom Sonnenaufgang.

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Die Bahnstrecke Halong -Hanoi bezieht ihren Kultstatus nicht aus der  Schönheit der Landschaft ringsum sondern in den einschlägigen Eisenbahnforen aus der Ungewissheit. Vietnam Railways hatte bereits vor drei Jahren die Stilllegung des Personenverkehrs angeordnet.  Monat für Monat grassierten neue Gerüchte, ob der einzige Zug auf dieser Verbindung noch dieselt. Ich habe mir bei Minh, der Mitarbeiterin von Christian Oster ein „pick up“ besorgt. Täglich kommen tausende Touristen in Kleinbussen nach Halong für eine Mini-Kreuzfahrt in die bizarre Insellandschaft. Mittlerweile sollen es bis zu achthundert Boote sein, die in der „Einsamkeit“, so die Prospekte,  nachts ankern. Die Besichtigung der schwimmenden Dörfer geht nur noch  im Schichtbetrieb.

Minh rät mir von der Fahrt mit dem Train  ab. Erst via Internet kann ich sie davon überzeugen, dass möglicherweise ein Zug fährt. Im Hotel wird mir als Alternative die Schifffahrt vorgeschlagen. „Train? Impossible.“ Ich bleibe stur. Morgens um sieben kommt der Fahrer mit weiteren sechs Passagieren. Unterwegs eine halbe Stunde Pause in einem der schrecklichen XXL-Souvenir-Shops mit Code um den Hals für die Provisionsabrechnung. Aussteigen an der Bootsanlegestelle, die, so Google maps, etwa zehn Kilometer vom Bahnhof entfernt liegt. Kein Taxifahrer kennt die Station. Nur Kopfschütteln. Endlich. Einer hat einen Translator und ich kann ihn von meinem Ziel überzeugen zu dem ich ihn dann lotse.

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Die erste Überraschung: die Kommunikation zwischen der Fahrplankonferenz und der Neubauabteilung bei Vietnam Railways scheint nicht ganz zu klappen. Ich komme an einem nagelneuen, riesigen, modernen Bahnhof an, der vollkommen leer steht. Wartezone, Sitzreihen, sieben Fahrkartenschalter und und und. Für einen Zug am Tag. Mein Ticket bekomme ich im Waggon erklärt mir die junge Schalterbeamtin (für was dann ein Schalter), die sehr gut Englisch spricht. Marmortreppe hinauf, am Bahnsteig hinunter.

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Keine zehn Sekunden zu früh. Der tägliche Zug fährt ein. Kaum steht er, beginnt ein riesiges Spektakel. Aus den Fenstern werden Kisten, Säcke und Bündel gereicht. Innerhalb von zehn Minuten beginnt an vierzig Ständen ein richtiger Markt unter dem Bahnsteigdach.

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Einige Frauen kaufen, so erklärt mir ein junger Mann, der als Guide in der Halong-Bucht arbeitet, Obst, Gemüse, Kartoffel, Kräuter, Tomaten und Hühner preiswert bei den Bauern im Gebirge ein, transportieren die Ware etwa drei Stunden mit dem Zug hierher und haben in der Restaurants und Booten, die im Jahr drei Millionen Menschen versorgen müssen, eine gute Kundschaft. Hier wird nicht in Kilo gewogen sondern in Säcken. Die Käufer sind  mit einer wahren Mopedflotte unterwegs. Von der Verbindung hängen richtig viele Arbeitsplätze ab. Strukturpolitik via Bahn.

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Ich beobachte das Geschehen von einer kleinen Verpflegungsecke am Rand bei Bier und Süßigkeiten. Markt in seiner ursprünglichen Bedeutung. Pur und unverfälscht. Viele Fremde waren offenbar noch nicht hier. Dauernd soll ich Fotos machen. Die Marktfrauen werden mir vorgestellt. Kinder mit und ohne vollgekackten Windeln werden mir  für ein Bild in die Hand gedrückt. Ich muss Früchte und Obst probieren. Knapp neunzig Minuten hat der Zug Aufenthalt. Aber bereits nach sechzig Minuten werden die Decken eingerollt die übrig gebliebene Ware wieder im Zug verstaut.

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Der Maschinist schraubt vor dem Umsetzen noch an seiner Lok. Der Bahnsteigbeamte, der gut Englisch spricht, zeigt mir seine Handyfotos von anderen Eisenbahnfreunden bevor er ankuppelt. Im Personalwagen werden die zahlreichen Schaffner, die mitgekommen sind, geweckt. Kurz vor zwei geht es zurück. Die Strecke ist in chinesischer Spurbreite nicht vietnamesische Schmalspur. Wohl ein Überbleibsel aus dem Krieg, wo die Unterstützung aus dem Nachbarland über den Hafen von Halong lief.

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Der Zug hat neben dem Personalwagen zwei Gepäckwagen plus einen Waggon Dritter Klasse. Es ist das heruntergekommenste Material in Vietnam. Der für mich zuständige Schaffner schreibt erstmal meinen Pass ab. Die Marktfrauen haben jetzt Feierabend. Einige liegen in Hängematten, andere spielen Karten um Geld und wollen dabei nicht fotografiert werden. Im Sitzwagen bildet sich bald ein Kreis um meine Bank. Der Guide übersetzt geduldig. Die Chefin, deutlich eleganter als der Rest, macht die Abrechnung. Etwa neun Dollar gibt es pro Nase für drei Stunden Hinfahrt, neunzig Minuten Markt und drei Stunden Heimweg.

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Zwei Damen geben sich mit einer Vorführung als Kung Fu Kämpferinnen zu erkennen. Die sehr Vorlaute (also für Insider die Frau Heckelmann von Halong) fragt mich, ob ich sie mit nach Hanoi und dann mit nach Deutschland nehmen würde.

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Sie hätte „No Husband“. Ich rette mich indem ich ihr übersetzen lasse: „Eine so hübsche, temperamentvolle junge (54 Jahre hatte sie mir verraten) Frau habe keinen so alten Mann wie mich verdient. Ich werde bemuttert.

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Darf in der Hängematte liegen. Die  Äpfel werden für mich geschält. Also so eine Vietnamesin hat schon was. Mädels nehmt Euch mal ein Beispiel. Und immer wieder Bilder mit Kids.
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Nach drei Stunden Abschied. Meine „Fastliebe“ hat ein richtig schickes Motorrad.

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Vor mir liegen noch vier Stunden Zugfahrt in einen Vorort von Hanoi. Es ist fast zehn Uhr abends als ich ankomme.

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Und von dort aus schaffe ich es sogar noch in den richtigen Bus bis fast zu meinem Hotel..

 

 

 

 

 

 

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