Rund sechs Stunden dauert die Fahrt von Kunming zur vietnamesischen Grenze. Leider verkehren auf der alten Trasse der Yunnan-Bahn, die die Franzosen so um 1912 bis Hanoi bauten, keine Personenzüge mehr. Es gibt nur noch einige Kohlewaggons, die über diese Strecke Richtung Vietnam gezogen werden. Die Personenbeförderung sei auf der Gebirgsbahn mit ihren spektakulären Brücken und Loops zu gefährlich, ist zu lesen.

Die chinesische Staatsbahn hat einfach zwei Täler westlich eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke gebaut. Die letzten 50 bis 60 Kilometer verlaufen bis auf vielleicht 500 Meter ausschließlich durch Tunnel. Ganz zu verstehen ist das aufwändige Projekt nicht. Die Stadt Hekou, hier endet die Bahn im nirgendwo ohne Anschluss an Vietnam, hat circa 80.000 Einwohner. Es verkehren allenfalls fünf Züge pro Tag. Dafür ein Aufwand, der durchaus mit dem Gotthard-Basis-Tunnel vergleichbar ist.

Im Bahnhof von Kunming endlich mal eine freie Steckdose an der Power-Station. Auch die Chinesen nutzen pausenlos ihr Smartphone. Die Jungs meistens für Ballerspiele.


Ich habe Sitzplatz gebucht. Das bedeutet einen Platz im Hard-Sleeper, wo bei Nacht auf drei Liegen übereinander geschlafen wird. Tagsüber sitzt man auf der untersten Pritsche. Der Zug ist voll.

Plötzlich ein eindringlicher Singssang. Nach zwei Minuten schiele ich um die Ecke. Das steht die Schaffnerin und preist die Vorzüge einer Zahnbürste an. Eine viertel Stunde dauert die Show, praktische Übung eingeschlossen. Das auf Video wäre ein Traum gewesen. Eine Million Klicks auf Youtube. Die Zahnbürste wird von fast jedem Fahrgast gekauft. War das jetzt ein Aktion des Gesundheitsministeriums, eine Promotion der Bahngesellschaft oder ein Zusatzverdienst der Kondukteurin?

Lange ziehen sich die Neubauviertel beim Verlassen von Kunming. Aber nach drei Stunden Fahrt in der Provinz wieder eine dieser gigantischen Anlagen, die offensichtlich leer stehen. Aber nebenan wird unverdrossen die nächste Baugrube ausgehoben.

Von der Yunnan-Bahn ist nur einmal ein Abschnitt auf der gegenüberliegenden Talseite zu sehen. Einige Viadukt. Einschnitte sind zu erahnen. Schade.

In Hekou umsteigen in den Bus. Der Bahnhof liegt einige Kilometer außerhalb. Stehplatz. Ich hätte ein Taxi nehmen sollen, um einige Fotos von der Yunnan Station zu knipsen. Der Grenzübertritt ist nur zu Fuß möglich. Vietnam und China haben ein spannungsgeldenes Verhältnis. Beide Seiten haben imposante Gebäude für die Abfertigung der Fußgänger errichtet plus jeweils ein riesiges Tor am Beginn der Brücke. Die andere Seite will beeindruckt sein.


Mich spricht auf der chinesischen Seite ein etwa dreißigjähriger Mann sehr nachhaltig an und will Geld tauschen, was keinen Sinn macht, da der geringe Kursunterschied zwischen den Banken und dem Schwarzmarkt das Risiko nicht rechtfertigen. Kaum bin ich in Vietnam, steht der Typ wieder da. Ich frage ihn, ob das drüben sein Zwillingsbruder oder sein Klon war. Er lacht. Kleiner Grenzverkehr. Ich nehme sein eindringliches Angebot wieder nicht an und gehe in die gegenüberliegende Bank und denke mich trifft der Schlag.
Etwa 50 Frauen sitzen in der Lobby mit Laptop und Handy und vor sich Hunderte dicke Bündel mit chinesischen Yüan. Meine Hochrechnung: Hier liegt eine Million Euro auf dem Boden, den Tischen und in den zahllosen Reisetaschen, die bis in den letzten Winkelrumstehen. Am Schalter schaut mich die Kassiererin mit meinen 100 Dollar und den Rest-Yüan nur genervt an. Keine Zeit sagt sie (für so einen Kleinkram denkt sie wohl).
Nächste Bank, gleiches Bild. Es ist 16 Uhr. Hinter mir wird die Tür verschlossen. Man erbarmt sich meiner. Und ich kann beobachten wie es jetzt richtig zur Sache geht. Orders von überall per Handy. Offenbar ist das hier sowas wie eine Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Filiale Lao Cai.
Draußen nervt der Typ mit dem Wechseln immer noch, dazu Taxifahrer, Andenkenhändler, Luden für Massage – Saloons. Man zieht an mir rum, was ich gar nicht abkann. Genervt riskiere ich es: Ich frage den Typ, ob er jede Währung zum besten Kurs wechselt. Er schwört. „Every currency“. Ich mache meine Geldkatze auf. Er sieht die Dollarscheine. Die Augen leuchten. Ich hole aber den Rest der Money aus Kasachstan und Usbekistan, außerhalb dieser Länder nur für Monopoly nutzbar. Er nimmt die Scheine. Prüft. Sein Kumpel tastet die Schriftzeichen ins Handy. Grunzen. Hektik. Ein Gegencheck mit dem zweiten Handy. Die ersten aus der Menge, die uns umringt, lachen. Und mein Freund will auf einmal von dem Geschäft nichts mehr wissen. Dreht ab und verschwindet. Auch der Rest der Meute denkt, an so einem Kasachen ist nichts zu verdienen. Ich kann in Ruhe ein Taxi stoppen und zahle die Hälfte des zuvor genannten Preises.

Hotel, ganz ok. Fahrkarte am Bahnhof geholt. Im Pineapple essen. Reisnudeln mit Gemüse und Erdnüssen. Hat richtig gut geschmeckt.