Freitag, 2. Dezember 2016,Lanzhou – Chengdu glücklich mit Bavaria

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Chengdu. Jawohl. Ich schäme mich nicht. Die Dame an der Tür hat mich so nett angesprochen. Da konnte ich nicht widerstehen, habe meinen ganzen Mut zusammengenommen und mit verstohlenem Blick das eher edle Etablissement betreten. Drinnen: das Höchste was ein Mann vom Leben erwarten kann: Bayrische Küche und Erdinger Weizenbier. Es war so geil. Ich hätte zweimal essen können plus drei Weiße mehr. Da nimmt man auch in Kauf, dass im „Bavaria“, so heißt der Laden, chinesische Kellnerinnen im Dirndl einfach nur bescheuert aussehen.

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Aber zurück zum Vortag. Lanzhou hätte sich für eine Woche der Ruhe gelohnt, auch weil die Temperaturen erstmals seit Helsinki deutlich im Plus sind. Dazu ein sehr angenehmes Hotel. Zimmer mit allem was man braucht. Schnelles WLAN. Nur wenige gesperrte Seiten. Frühstück war halt 100 % China. Aber die Nudeln von Lanzhou werden landesweit geschätzt. In der Konsistenz denen nach Deutscher Hausfrauenart ähnlich. Die Suppe am Morgen war richtig lecker. Nur mit dem Kaffee, das müssen die noch üben. Süßer geht nimmer.

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Das Hotel lag direkt neben dem Bahnhof. Checkout bis 12 Uhr möglich, also bis kurz vor Abfahrt des Zuges. Zur Bank nebenan. Oh Wunder. Da steht Mastercard. In 30 Sekunden hatte ich meine sieben Hunderter (etwa 100 Euro), mal schauen was auf der Abrechnung steht, denn nach den Gebühren hat die Maschine nicht gefragt. Zeit ein bisschen durch das Dorf zu ziehen, naja es leben schon so 3 Millionen Einwohner hier. Dennoch: Trotz der zahllosen gigantischen Wohnmaschinen hat das urbane Leben mitten in der City auch in Lanzhou eher kleinbürgerliche Strukturen. Überall wird auf der Straße gebruzzelt, Menschen hocken auf dem Boden, balancieren mit zwei Stäbchen und Geschick Nudeln oder Fleisch von der Schale in den Mund. Aus den Bäckereien duftet frisches Brot, an den Ständen stapeln Händler Obst.

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12.48 Uhr fährt der Zug ab. Ich habe im Soft Sleeper das obere Bett, das ist gleichbedeutend mit der A…..karte. So ab 40 plus eigentlich Mission Impossibile. Man muss auf einen schmalen Tritt (maximal 5×5 Zentimeter) steigen und dann mit den Armen den Körper samt angesammelter Kilos hochdrücken. Der Zug ist ein K-Train, so was wie chinesischer eisenbahntechnischer Feld-Wald-Wiesenstandard. Die fahren oft zwei drei Tage quer durchs Land von oben nach unten, von Ost nach West. Der Vorteil: Die Chinesen können von ihrer Stadt zu vielen Orten im gesamten Land ohne Umsteigen fahren.

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Die Reise nach Chengdu, hier habe ich sieben Stunden Aufenthalt, führt durch ein Gebirge. Das Tal ist manchmal so eng, dass ich auf beiden Seiten des Zuges den Fels berühren könnte. Oft ist nur Schrittgeschwindigkeit möglich. Hier ist eine der Regionen, aus denen sich das Millionenheer der chinesischen Wanderarbeiter rekrutiert. In den Flussbiegungen, wenn der Fels ein wenig Platz lässt, Dörfer, halb oder ganz verlassen. In manchen Fenstern nur ein Stück Plastikfolie statt Glas, eingesunkene Dächer, gebrochene Mauern, grobe Wäsche an der Leine. Die wenigen Terrassen im Fels ernähren keine Familien. Nur einmal weitet sich der Canyon für zwanzig, dreißig Kilometer auf eine Breite, die Landwirtschaft sinnvoll macht. Endlose Felder, auf denen auch jetzt noch im Dezember unter Folien Gemüse wächst. Bauern bearbeiten mit einfachen Haken den Boden. Industriebetriebe sind nicht zu erkennen. In der Mitte des Tales ein Städtchen. Auch hier neue Hochhäuser, die leer stehen, und Kräne in der Nachbarschaft, die wie ein trotziges Kind das Material für die nächsten Wohnkomplexe in luftige Höhen hieven als ob es die Bauern dereinst mit Rechen und Spaten in die modernen Wohnburgen zieht.

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Ich mache einen Selbstversuch im Speisewagen. Fast alle Plätze sind von den Soldaten besetzt, die in Lanzhou in Kompaniestärke mit der roten Fahne voraus in den Bahnhof einzogen. Zwanzig Minuten Essen fassen im Schichtbetrieb. Es sind wohl Offiziersanwärter. Einer gibt mir mit der Hand zu verstehen, dass ich an seinen Tisch kommen soll. Nachdem mich alle radebrechend bei der Bestellung bei der resoluten Chefin unterstützt haben, leert sich meine Tafel. Ihr Offizier hatte ihnen bedeutet, dass ein Kontakt wohl nicht so ideal sei. Schade. Es hätte ein interessantes Gespräch werden können. Ich weiß nicht, was ich auf dem Teller hatte, aber es war gut und ich habe es vertragen.

 

In der Nacht schlecht geschlafen. Mit der Lektüre von Yuval Noah Harari „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ begonnen. Seine vernichtende Bilanz der Folgen der Evolution hat meine Laune auch nicht gerade verbessert. Etwas Musik aus dem MP3-Player. Ry Cooder, Brian Adams. Der Zug ruckelt und bremst immer wieder abrupt, beschleunigt, schlingert. Im oberen Bett ist das besonders unangenehm. Gegen sechs Uhr setze ich mich in die Ecke meiner Pritsche und bekomme meinen Moralischen, wie ich so bescheuert sein kann in meinem Alter so einen Sch… zu machen. Statt bei Dosenbier in wackelnden Zügen quer durch Asien meine Bandscheiben zu ruinieren, könnte ich mich in Hoi An in Vietnam auf einer gepolsterte Liege am Strand ausstrecken und bei Cocktails, die alle zwei Sunden neu gemixt werden, zwischen den Zehen hindurch beobachten wie sich irgendwelche Siamkätzchen am Strand räkeln.

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Heimweh nach Ute, Christian und all meinen Freunden. Nach Mühlheim und Offenbach. Zuhause ist heute Donnerstag. Bestimmt wieder Oldie Club im Waldeck. Ich beginne mir vorzustellen wie ich am 15. Dezember frühmorgens in meine Wohnung komme, die Kaffeemaschine anmache, ins Auto stürze und zur Frau Schmidt rase. Was gibt es da alles in ihrer Metzgerei: Mühlenschmaus, Presskopf mit Kümmel, geräucherte Blutwurst, Mühlrädchen, Hausmacher Leberwurst, Luftgetrocknete, Lauchbraten, Fleischsalat, Weißwurst, Leberkäse, Gelbwurst, Frankfurter, Saumagen, Baguette Brötchen. Bratwurst. Ich glaube ich schmeiße mittags gleich den Grill an. Dezember hin oder her. Und am nächsten Tag kocht Ute. Ich weiß nicht, was ich mir wünschen soll. So gut schmeckt ihre Küche.

 

Mit meinen drei Mitfahrern ist keine Gespräch möglich. K-Train, das ist meist einfach gestricktes Publikum. Es wird hell. Ich beschließe mich auf den Gang zu setzen, um die Landschaft ein wenig zu beobachten. Wir fahren jetzt durch fruchtbares hügeliges Land, Gemüsefelder ohne Ende. Die Gehöfte spiegeln einen beachtlichen Wohlstand. Vor vielen der zweistöckigen frisch renovierten Bauernhäusern steht ein nagelneuer SUV der gehobenen Klasse.

 

Und dann gibt es doch noch das Gespräch. Zwei Stunden lang, bis zur Ankunft. Spannend und lehrreich. Ich habe versäumt nach ihrem Namen zu fragen. Aber die junge Dame war mir am Abend zuvor schon aufgefallen, weil ihr lässiges Outfit so gar nicht zu der eher schlichten Bekleidung der übrigen Fahrgäste passen wollte. Sie studiert in Chengdu. Ökonomie und internationales Finanzwesen. Sie hat in Xian gelebt aber geboren ist sie in Shanghai, der internationalen Stadt in China, wie sie betont. Im nächsten Jahr wird sie in Großbritannien, möglichst in London, studieren. Ihr Ziel ist ein Master und dann Karriere bei einem globalen Finanzdienstleister oder bei einem Beratungsunternehmen. Die Regierung von China finanziert Studien im Ausland großzügig. Sie will es aber alleine schaffen, auf eigenes Risiko. Und Europa bereisen. Ich lege ihr Berlin ans Herz.

Ich solle nicht der Versuchung unterliegen, so meine Bekanntschaft, die rasante Entwicklung in den chinesischen Städten auf das gesamte Land zu übertragen. Es gebe eine Disparität „between the Big Cities and the small villages“. Dennoch China sei auf dem Weg, die USA an Wirtschaftskraft zu überholen. Das sei Ziel. Ein Beispiel sei die moderne Hochgeschwindigkeitsstrecke die jetzt unseren Weg begleitet. Im nächsten Jahr werde man diese Verbindung eröffnen. Von Lanzhou nach Chengdu braucht der Zug heute noch 22 Stunden, 2017 sind es vier Stunden. Die Trasse verläuft schnurstracks neben unserem Fenster, meist auf Stelzen in etwa zwanzig Meter Höhe über Felder, Wälder, Häuser, Dörfer, Kleingärten und Biotope. Was bei uns zwei Jahrzehnte von der Idee bis zur Realisierung braucht, ist hier in fünfzig Monaten schlüsselfertig durch. Und die Bahn sei, so die angehende Ökonomin nebenbei, bald ein Exportschlager: High Tec der Extraklasse.

 

Auf die vielen leerstehenden Appartements in den Hochhäusern entlang der Strecke angesprochen gibt sie sich optimistisch. In den großen Städten sei für viele Menschen das Leben nicht mehr bezahlbar. Man ziehe zurück aufs Land. Sie studiere wie viele andere nicht in Shanghai sondern in Chengdu, weil sie hier mit ihrem Budget bequem auskommen könne. Viele der alten Mietskasernen, die in einem schlechten Zustand seien (man fährt immer wieder vorbei. Unfassbar wie Menschen darin hausen können), werden in den nächsten Jahren geräumt. Dann rechne sich die Investition. Einen Optimismus, den ich nicht teilen mag.

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Sie will mir unbedingt noch die Schönheiten von Chengdu zeigen, was leider daran scheitert, dass der Gepäckaufbewahrungsschalter (obwohl in Englisch ausgeschildert) nur Koffer von Einheimischen annimmt, nach vorherigem Scan der ID-Card. Schade. Ich hätte sie gerne noch viel mehr gefragt. Eine junge Frau, die sich sehr mit der Entwicklung in ihrem Land identifiziert. Die aber auch weiß, dass China auf Dauer nur erfolgreich sein kann, wenn sich seine Menschen global vernetzen „We must connect us with people from other countries“.

 

Zum Glück gehe ich nicht gleich wieder durch die Security, die das hier nicht so lässig we in Lanzhou nimmt. Statt Langeweile im „Check In“ (so steht das auf den Tafeln) will ich noch eine Weile das Geschehen auf dem Bahnhofsvorplatz beobachten. Das Klima hier scheint mir dem in Norditalien ähnlich, die Mentalität der Menschen auch eher dem Süden angepasst. Ich entdecke einen Hinweis auf einen zweiten „Left baggage“. Wieder Kopfschütteln. Nachdem ich mit traurigem Blick einige Sekunden stehen bleibe, zeigt die Chefin in Richtung des Gebäudes mit den Ticketschaltern. Hier entdecke ich noch eine dritte Luggage Deponie und, welche Überraschung, einmal Rucksack und Koffer durch den Scanner, zehn Minuten Pass abschreiben, zwei Euro zahlen und ich kann in die Stadt. Links des Bahnhofs gibt es alles was das chinesische Herz begehrt.

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Viele Straßen mit kleinen Geschäften, Marktständen und zwei dreistöckige Basare, direkt nebeneinander. Kein T-Shirt-Paradies wie in Touristen-Hochburgen sondern vom Schuh über den Anzug bis zur Handtasche, der Pfanne und dem Geschirr alles Alltag. Zwei Stunden schlendere ich durch das Gewirr der Gassen. Oft gibt es in dem Gewusel kein Durchkommen. Ich kaufe ein wenig Unterwäsche und Socken. Die Besitzerin des kleinen Ladens tauscht alles von XL in 3XL um. Wahrscheinlich besser so.

 

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Anschließend teste ich  eine Luxus-Shopping Mall, kaum 100 Meter entfernt. Hier sind auf vier Stockwerken alle Edelmarken dieser Welt vertreten zu Preisen, die deutlich über dem bundesdeutschen Niveau für Hilfiger Hemden und Ralph Lauren Shirts liegen. Am frühen Nachmittag füllt sich das Center. Der chinesische Mittelstand ist offenbar liquide genug, um mit prallen Einkaufstüten, auf denen das Signet überdeutlich zu sehen ist, den Heimweg anzutreten. Mir bleibt Zeit genug für das Bavaria, das trotz seiner unbayrisch hohen Preise (dafür habe ich bislang maximal 5 Euro für ein Essen bezahlt) bald bis auf den letzten Tisch gefüllt ist. Viele perfekt gestylte junge Leute, trendy gekleidet, Kinder reicher Eltern oder junge Elite beispielweise aus dem IT Bereich. Gestern begleiteten mich auf der Zugfahrt die heruntergekommenen Wohnblocks am Rand der Städte und das Elend in den Hütten in den halb verlassenen Dörfern, heute der Überfluss zum Greifen. Die Schere ist gewaltig. Aber vielleicht ist es besser sich an dem Kellner mit dem Sepplhut zu erfreuen.

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