
Ürümqi: Abfahrt 9.28 Uhr mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Lanzhou. Sonntags, wenn ich beim Fußballspiel von Espanol Offenbach bin und wirklich einmal einer von den unseren alleine aufs Tor rennt, rufen alle: „Mach Meter“. Hier in China mache ich heute Kilometer. Etwa 1.700 in elf Stunden. Quer durch die Wüste Gobi.
Aber zunächst eine Dosis Stress. Der Taxifahrer bringt mich nicht die fünf Kilometer zum Hauptbahnhof sondern fährt stadtauswärts in Richtung eines Vorortes. Macht den dreifachen Fahrpreis. Der Zug hält zwar auch hier aber erstens weiß ich das nicht und zweitens hat mir die Dame an der Bahnhofsinfo gesagt „Stadtbahnhof“ und drittens hatte ich mir gestern den Weg gemerkt. Kilometer um Kilometer morgens um acht in der Dunkelheit und im dichten Nebel über die Autobahn, dreißig und mehr Minuten. Irgendwann schreien wir uns an. Ich auf Deutsch und er auf Chinesisch. Angekommen weigert er sich, das Wechselgeld herauszugeben. Das hätte den ohnehin überhöhten Betrag verdoppelt. (Aber: nicht jammern, wir bewegen und immer noch unter RMV-Niveau). Ich bleibe hart. Erfolgreich.
Drinnen modernste Überwachungstechnik. Iris-Scan am Eingang. Zum Glück habe ich einen biometrischen Pass. Gepäckkontrolle, abtasten, wieder niederknien, weil auch diese Security-Maus maximal einen Meter fünfzig misst (gefühlt). Wir müssen beide lachen. Zwanzig Meter laufen Richtung Eingang Gates. Exakt die gleiche Prozedur nochmal nur mit neuer Maus. Mein kleiner Rucksack verschwindet im Scanner und taucht nicht wieder auf. Abschalten, rausziehen. Geschafft. Nur blöd. Alle Cafés und Geschäfte sind auf der Galerie und die ist außerhalb des Security-Bereichs. Habe keine Lust, trotz China Maus, nochmal durch die Security zu marschieren.

Chinas Hochgeschwindigkeitsbahnhöfe wirken wie Kathedralen der Neuzeit. Ein Zeichen für den Aufbruch? Der Bahnhof von Shanghai, direkt neben dem neuen Flughafen kann es von der Größe locker mit dem Terminal 1 in Frankfurt aufnehmen. Und die einstige Provinzstadt Ürümqi am Rande der Zivilisation bringt es vom Umfang immer noch auf die Abflughalle B, auch wenn im Augenblick nur etwa zwanzig Züge pro Tag ankommen. 1.800 Kilometer Gleise haben die Ingenieure und Bauarbeiter in wenigen Jahren hier herauf verlegt, mitten durch unwirtliches Land. China hat in zwölf Jahren 12.000 Kilometer ICE Strecken gebaut. Oft auf Stelzen. Auf ihnen verkehren Züge, die unseren mindestens ebenbürdig sind, mit Tempo 300. Bei 40 Grad plus und bei 30 Grad minus pünktlich und zwischen den Zentren in dichtem Abstand, fast immer auf die Minute genau. Bei der Abfahrt meines Triebwagen zeigt das Thermometer minus 11 Grad, genau die Temperatur bei der unsere Bahn AG vom Krisen- in den Katastrophenmodus schaltet.
Die ersten dreihundert Kilometer eine völlig Ebene Landschaft. Schwarzer Erde, kaum Vegetation. Ein Blick zum Horizont schürt den Verdacht „zumindest hier ist die Erde eine Scheibe“. Alle Stunde ein Bahnhof im Nirgendwo. Alles nagelneu und ringsum ist man gerade dabei eine neue Großstadt zu bauen mit Duzenden von Wohnblocks, Einkaufszentren und Schulen. Gemeinwesen aus der Retorte wie ich sie bereits vor zwei Jahren bei meiner Fahrt von Shanghai nach Wuhan beobachten konnte.

Neben unserer Strecke verlaufen die Schienen der alten Verbindung. Dicht belegt mit Kohlewaggons im Blockabstand. Fast wie auf einem Förderband. Daneben eine nagelneue gut ausgebaute Autobahn, Windpark auf Windpark und sechs bis acht Hochspannungstrassen parallel. Der Rohstoffbedarf der Zentren in China scheint unermesslich.

Nach der halben Fahrtstrecke die ersten gewachsenen Städte. Auch hier Kräne soweit das Auge reicht. Hochhäuser wie von der Stange. Viele stehen leer. Dennoch wird in unmittelbarer Nachbarschaft an neuen Komplexen gewerkelt. Schon bei meiner ersten Reise nach China habe ich mich über die ungebremste Bauwut gewundert. In Shanghai mögen diese Wohnungen ja ihre Mieter finden. Aber auch mitten in der Provinz werden unzählige siebzigstöckige Wohnmaschinen hochgezogen und riesige Reihenhaussiedlungen errichtet, während nebenan kaum zwei Jahre alte Gebäude mit leeren Fenstern verfallen. Diese Projekte werden nicht von Banken oder dem Staat finanziert sondern aus den Ersparnissen des Mittelstandes, der mit der Investition seine Altersvorsorge sichern möchte. Eine Zeitbombe, auch weil es der gerade wachsende Mittelstand ist, der in den schicken Einkaufsmeilen der Zentren die Binnenkonjunktur ankurbelt.
Als es dunkel wird beginnt sich der Zug zu füllen. Die Wüste Gobi liegt hinter uns. Eine Großstadt reiht sich an die andere, grell und bunt beleuchtet. City-Lights. Namen, die bei uns niemand kennt, Orte, die mehr Einwohner haben als die meisten europäischen Städte.
Der Zug erreicht Lanzhou pünktlich. Ein riesiger Bahnhof. Keine Kontrollen, schnell noch die nächsten Tickets besorgt. Namen der Abfahrtsstation für den Taxifahrer aufschreiben lassen. Dann ein Taxi zum Hotel genommen. Wieder in den Klo gegriffen. Der Bahnhof liegt etwa zehn Kilometer draußen. Die Adresse meiner Unterkunft habe ich auf chinesisch ausgedruckt. Die Taxifahrerin nickt, schaltet nach zehn Kilometer ihr Navi auf dem Handy ein und wird hektisch. Batterie leer. Wir umrunden Block um Block, manche dreimal. Irgendwann stoppt sie, hält anderes Taxen an, um nach dem Weg zu fragen, und dann wird alles gut. Sehr schönes Hotel. Internet geht, skypen mit Ute möglich, zwei Bier im Seven 11 nebenan. Ich kann zufrieden einschlafen