
Midnight Train to China. Die Verbindung Almaty Ürümqi in der Nacht von Montag auf Dienstag gibt es wirklich. Natürlich, war doch klar: Bei bahn.de abrufbar, Ticktet in der Tasche, Bestätigungsmail vom Reisebüro in Berlin, aber hier vor Ort an der Info und am Fahrkartenschalter wusste niemand was von dem Zug. Das macht dann halt schon nervös. Und auf der Anzeigetafel für die Nacht waren alle möglichen Ziele gelistet. Nur meines fehlte. Vielleicht der falsche Bahnhof. Almaty I statt Alamty II.
Endlich: Gegen 23 Uhr werden die sechs chinesischen Liegewagen zum Bahnsteig rangiert. Die Schaffner hasten mit schweren Einkaufstüten zu den vier Stufen. Zwölf Mann Personal für zwei Fahrgäste. Erst am nächsten Morgen am Umsteigebahnhof aus Richtung Astana füllte sich der Zug halb. Scheint nicht häufig vorzukommen dass ein „Germanski“ diese Strecke bereist. Fragende Blicke, keiner versteht die Sprache des anderen. Aber: Fahrkarte, Pass, Visum: alles ok. Wir lächelen uns an. Ich erhalte mein Bettzeug.
Pünktlich um 0:15 Uhr Abfahrt, ein bisschen gefrustet bin ich schon. Von der letzten Tour durch China hatte ich die Soft-Sleeper als bequem in Erinnerung. Keine so harte Pritsche wie jetzt. Und das auch noch für zwei Nächte. Aber dafür sind die Toiletten sehr sauber im Vergleich zu den kasachischen Zügen. Ein Bier noch und einen Schluck Brandy aus der Flasche vom Vortag (Panikkauf als ich nach dem Essen plötzlich das ungute Gefühl hatte: War das Steak jetzt von der Kuh oder vom Pferd? – und so 0,2 Liter ist hier bei Schnaps die kleinste Verkaufseinheit). Ich habe gut geschlummert bis der Handywecker um 7.30 Uhr klingelte.

Stunden über Stunden auf einer völlig platten Hochebene. Man glaubt am Horizont die Erdkrümmung zu sehen. Offenbar fahren wir duch die Wolken. Im schnellen Wechsel dichte Dunstfelder, die nass gegen die Scheiben schlagen, und strahlender Sonnenschein. Alle zwanzig Kilometer ein Ausweichgleis, ein Geräte-Container und einige Hütten, gerade soviele wie man für die Bahnarbeiter braucht, die die Strecke betreuen. Manchmal In der Weite ein Gehöft, eine Jurte, einzelne Kühe, Zottelochsen oder Pferde im Schnee. Immer wieder kreuzen lange Güterzüge , meist mit Holz oder Öl beladen.

Die letzten 200 Kilometer vor der Grenze die Überbleibsel verfehlter sowjetischer Industrialisierung. Riesige Fabrikkomplexe am Stück, , leer und verfallen, verlassene Dörfer, Plattenbauten mit blinden Fenstern, zugewucherte Anschlußgleise. Der doppelte Grenzzaun zwichen China und Kasachstan mit Wachtürmen verläuft über eine Stunde neben der Bahnstrecke. Auch ein interessanter Einblick. Dann verengen riesige Berge die Ebene zu einem Tal, das sich nach China öffnet.
Der kasachische Zoll verabschiedet sich etwas unrühmlich von mir. Peinlich genau begutachtet der Beamte jedes Stück in meinem Rucksack, wägt es in der Hand als ob er es auf seine Brauchbarkeit bewertet. Dreimal fragt er, wo denn die Messer seinen, die ich schmuggeln würde (Solinger Stahl ist in China begehrt). Schließlich greift er sich eine größere Packung „Desinfektionstücher“ und grinst mich an „Souvenir“. Ich kann mir schon vorstellen, was mit den Messern passiert wäre, hätte ich welche dabei gehabt. Später kommt er nochmal in mein Abteil, verschließt die Tür, sagt kein Wort und sortiert seine Manteltaschen. Solche Momente brauche ich wirklich nicht. Als er draußen war, summe ich den alten Schlager: „Souvenirs, Souvenirs“.

Dann das Umspuren des Zuges auf die chinesische Gleisbreite. Es ist schon dunkel als wir die Grenze passieren. Ein riesiges gemauertes Tor. Auch ein Statement. Dahinter beginnt, auch in der Dunkelheit zu erkennen, eine andere Welt. Ein überdimensionierter neuer Bahnhof in Marmor, ein blitzblanker Doppelstockzug auf dem Nachbarbahnsteig und Zollbeamte, die zwar auch jedes einzelne Gepäckstück in die Hand nehmen, sich bei ihrem Job aber sehr korrekt und sehr höflich verhalten. Die junge Zöllnerin und ihr älterer Kollege sprechen beide sehr gut Englisch. Meine Asienkarte wird eingezogen „Taiwan als eigene Land drauf“ wird mir mit einem Achselzucken erklärt „that’s our Identity“. Danach unterhalten uns noch eine Viertelstunde. Die ausgesprochen hübsche Zöllnerin interessiert sich sehr für meine Reise. Sie will unbedingt meine Bilder auf dem Laptop sehen. Sie selbst war einmal in Moskau.
Mir ist bei meiner letzten Tour durch China schon aufgefallen, dass die jüngeren Staatsdiener in China meist gut gebildet sind, Fremdsprachen sprechen, bereits im Ausland waren. Keine Ahnung, ob das so gewollt ist. Aber es spricht viel dafür. Und wenn es so ist, dann spricht es für eine intelligente Planung.
Ürümqi. Bei der langen Einfahrt in die Stadt wird der Unterschied zu den GUS-Staaten augenfällig. Ich habe das Buch des ehemaligen SPIEGEL-Korrespondenten Terzani über seine Zeit in Ostasien gelesen (Zum Glück habe ich es nicht mitgenommen. Das wäre auch konfisziert worden). Er schilderte wie China in den 50iger und 60iger Jahren diese Wüste im Nirgendwo besiedelte. Unvorstellbare Opfer, Leid, Fehlentwicklungen und Unterdrückung von Minderheiten. Heute fährt man schier endlos durch wohlgeordnete Gewerbegebiete, schmucke Fabriken, die sich mit den Signets der Blue Chips dieser Welt schmücken. Offenbar siedeln hier gezielt die Zulieferer für Europa und Afrika, möglichst nahe an der Grenze.
Am Bahnhof ist die Nervosität mit Händen zu fassen. Security auf Schritt und Tritt. Siebenmal habe ich mein Gepäck durch diverse Scanner schieben müssen. Bahnhof verlassen (1x), zum Ticketschalter im anderen Gebäude (2x), wieder raus (3x), quer über den Busbahnhof (4X), in die Bank (5x), wieder Busbahnhof (6 x), nächste Bank (7 x). Nebenbei dreimal von jungen hübschen Chinesien abgetastet. Es ist jedesmal ein Spaß, über den beide lachen. Die jungen Damen sind gefühlt maximal ein Meter 50 groß und ich muß auf ein dreißig Zentimeter hohes Podest, auf das ich mich dann niederknien muss, damit die Ladies meinen Kopf begutachten können. Überall Polizisten mit MP, am Rand des Bahnhofsplatzes Einheiten mit Sturmmasken. Später vor meinem Hotel ein Schützenpanzer wie an vielen Orten in der Stadt.
Die Uiguren, die einst das Land besiedelte, sind heute in der Minderheit. Es gab verheerende Anschläge hier mit vielen Toten. Ein Problem, das in unserem Jahrzehnt kaum zu lösen sein wird. „Zurück auf Los“ Millionen Chinesen zurück ins Kernland siedeln? Die Uiguren in Reservate? Auf Kontrollen verzichten, um nicht zu provozieren, dafür aber Anschläge in Kauf nehmen. Antworten fallen nicht leicht. Ein „Entweder / oder“ ist auch keine Lösung.
Ich hatte bei der Ankunft kein chinesisches Geld. Am Bahnhof ein Automat, der keine europäischen Karten nimmt. Die nette Angestellte in der Postbank, die nicht wechselt, erklärt mir wie ich mit dem Bus zur Bank of China komme und spendiert mir das Fahrgeld. Der Tausch Euro gegen China Rim dauert. Das wusste ich schon von Shanghai. Marke ziehen, warten. So jede Vorsprache in einer Bank braucht eine halbe Stunde, weil eine Unmenge an Papier ausgefüllt werden muss. Und durch die Scheibe wird per Lautsprecher kommuniziert. Jeder in der Wartezone kann mithören. Stelle mir das in der Sparkasse Offenbach vor: Na Frau Meier, Konto wieder überzogen, ach Herr Schmidt wieder Gehaltspfändung, Frau Schulz wann wird denn Hartz IV überwiesen. Auch mein Hunderter braucht gute zwanzig Minuten bis er 705 RIM wert ist.
Dann Taxi. Hotel. Gut. Aber Anfängerfehler. Zimmer ohne Fenster gebucht. Internet nur über die Verbindung Laptop mit dem Handy der Frau an der Rezeption möglich. Einzige Seiten, die sich öffnen „yahoo“ und „waz.de“. Ein wenig gepennt und dann Hunger. Welche Gaststätte hat außer Hund auch noch Huhn, Schwein oder Rind. Es ist unangenehm nasskalt draußen. Minus zwölf Grad.

Um den Block finde ich ein Restaurant, das fast zu vornehm aussieht. Speisekarte nur auf Chinesisch und niemand spricht Englisch. Am Ende steht die ganze Crew, so um die zehn Leute, inklusive Koch um meinen Tisch. Die meisten so um die 18 / 20 Jahre alt. Wir schreiben Zeichen, malen und lachen viel. Schließlich hat einer die Idee, dass er einen Translator auf dem Handy hat. Tippen, Kopfschüttel, neues Wort, vielleicht, wieder lachen, und so weiter, bis es geschafft ist. Es gibt einen großen Topf Nudelsuppe mit viel Hühnchen, Gemüse und Kräutern plus eine Jumboflasche Bier. Alles köstlich und keine vier Euro teuer. Zum Abschied erhalte ich einen Zettel mit einem „welcome again“ und alle reihen sich zum Spalier vor der Tür auf. Im Seven 11 (heißt hier „8“) anschließend noch zwei Feldschlößchen Bier entdeckt. Gruß an die Kollegen in Dresden. Gur trinkbar.
Es ist mir eine Freude dieses Abenteuer hier mit zu erleben.
Viel Spaß weiterhin. …und das nächste Mal bitte mit einer guten Flasche Whisky. ☺
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