
Almaty Kasachstan. Auch nach vier Tagen fremdele ich noch mit der Stadt an der Grenze zu China. Irgendwie fehlt mir der Zugang, obwohl ich hier mehr Kilometer als in allen andern Städten gelaufen oder besser durch den Schnee getrottet bin, durch Fußgängerzonen und Einkaufszentren, über Märkte und Brücken, drinnen und in den Vororten, durch Parks, Kirchen und Museen. Ich bin sogar mit der Seilbahn auf den Hausberg gefahren, im Krisenmodus wegen meiner Höhenangst.
Almaty wird gelegentlich als sehr europäische Stadt betitelt. Dafür gibt es gute Gründe. Nur mir fällt kein Ort in Europa ein, der ihr ähnlich ist. Das Schicksal hat es mit Almaty nicht gut gemeint. Erdbebengebiet. 1912 völlig zerstört und über viele Quadratkilometer wie ein Schachbrett wieder aufgebaut. Und jedes Jahrzehnt durfte seine Scheußlichkeiten abladen. Zuckerbäckerstil, missglückte klassizistische Architektur, postmoderne Bürotürme, Plattenbauten, breite Schneisen, denen man ansieht, sie wollen den Verkehr nicht in die Stadt bringen sondern die Flucht erleichtern. Das Auto dominiert, auch auf den Bürgersteigen. Oft Staus. Smog.
Ein Stadtkern fehlt völlig. In jeder Straße irgendwelche Geschäfte. Teuerste Marken neben 99 Cent Shops. Egal, wo ich immer gestanden oder gelaufen bin, ich hatte das Gefühl: ich war doch gerade vor einer Stunde schon mal hier.
Hier leben Menschen aus sehr vielen Kulturen zusammen von Korea bis Arabien, von der Mongolei bis nach Siam, von China bis Russland. Die Menschen scheinen zusammengefunden zu haben. Die Gruppen, gerade bei Jugendlichen sind sehr gemischt, Pärchen oft crossover. Vom Outfit, sehr modisch, European Style. Sehr tolle und teure Restaurants, die Küchen der Welt. Internationales Fastfood. Cafés und Bistros, die sehr trendy wirken, von denen ich einige sofort mit nach Offenbach abwerben würde, weil ich mich hier wohlgefühlt habe.

Ab dem Ortschild beginnen Richtung Süden die Steinberge, fast wie die Alpen. Besonders gut sieht man das vom Hausberg, im Verhältnis eine kleine Kuppe, aber immerhin auch über 1.000 Meter hoch. Oben ein Vergnügungspark, ein Zoo, Teehäuser und herrliche Wanderwege, die geräumt waren. Hat richtig Spaß gemacht, dort zu laufen, auch wenn die Stadtväter hier das mit den Papierkörben noch in die Balance bringen müssen.

Ja und dann gibt es noch ein beachtliches Museum zur Geschichte des Landes. Besonders die Epochen von der Frühzeit bis ins Mittelalter sind hervorragend dargestellt. Leider nur rudimentär in Englisch erläutert. Toll auch die Exponate, die zeigen wie die Nomaden in den Jurten lebten.

Habe auch die Propagantaabteilung besucht, die die Ereignisse seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1991 beschreibt. Es ist ein Staatsmuseum, also bestimmt kein Zufall. Während die Beziehungen beispielsweise zur Türkei, zu China, Korea, Japan, dem Iran und Usbekistan in großen Vitrinen aufwändig gefeiert werden, werden die Länder der EU in einem gemeinsamen Schaukasten mit Belanglosigkeiten wie Glückwunschschreiben und Yellow Press Fotos von Prinz Charles nur kurz gestreift. Ein paar Schritte weiter kann man die Erklärung erahnen. Hier wird kräftig daran gearbeitet, die Seidenstraße als Autobahn, Pipeline und Hochgeschwindigkeitseisenbahn wieder zu beleben. Von China bis Istanbul. Auf den Fotos: Erdogan hier, Erdogan da.

Ja und heute. Sonne und überall Markt.


Morgen dann weiter Richtung Ürümchi, 32 Stunden im chinesischen Liegewagen (soft sleeper). Die sollen ganz gut sein. Laut Wetterprognose noch drei Tage kalt und dann werde ich für eine Woche den Frühling in Südchina und Vietnam genießen.