Nachtrag Usbekistan – ein offenes Wort

Ja. Usbekistan ist ein Land zum Verlieben. Ich habe viele liebe sympathische Menschen getroffen. Gastfreundlich . Neugierig. Weltoffen. Die Tradition der Seidenstraße lebt immer noch .

Aber: Wer das Land als Polizeistaat bezeichnet, hat gute Gründe. Das Heer der verschiedenen Überwachungstruppen ist nicht zu übersehen. Praktisch vor jeder Pommes-Bude ein Auto mit Blaulicht. Security wie am Flughafen an jedem öffentlichen Gebäude. Ein Beamter an jedem Kassenhäuschen. In Bahnhöfen sind die Truppen nicht mehr zu zählen. Dennoch effektiv sieht das nicht aus. Die meisten Uniformierten rennen arbeitsimitierend ständig hin und her.

Es wird gesagt, dass die meisten unterbezahlten Staatsdiener korrupt sein. Zwei meiner Erfahrungen will ich nicht verallgemeinern aber sie könnten Indiz sein. Vor einem Tor, das den noch nicht wieder aufgebauten Teil einer Burg, mit einem großen Schloss abgesperrt, steht ein Polizist zur Bewachung. Ein älterer Mann bedeutet mir, er würde mir den Bereich zeigen, natürlich gegen zwei Dollar. Nach dem Rundgang stecke ich ihm den Betrag unauffällig zu. Hätte ich mir sparen können. Als ich mich rumdrehe, stehen beide zusammen und teilen. Es gibt einen Schwarzmarkt für Devisen. Vor einem Museum spricht mich der Einlasskontrolleur an, ob ich tauschen möchte. Neben ihm ein Polizist. Mit meinen DDR Erfahrungen will ich in eine Nische. Da lachen die beiden „We are best Friends“. Auf den Märkten wird das Geld regelrecht an Ständen gehandelt zum 2,5fachen Kurs der Staatsbank.

Nicht nur Amnesty spricht davon, dass Menschenrechte hier nicht eingehalten werden. Keine freie Berichterstattung, eine Opposition, die zum Schweigen gebracht wurde und und und. Demgegenüber steht  muslimisches Land mit Religionsfreiheit (es gibt überall Kirchen und Synagogen) und vor allem Frauenrechte. Ich habe in der Woche keinen Schleier  gesehen, kein junges Mädchen, das ein Kopftuch trug.  Das Land hat eine, wenn auch kurze, Grenze mit Afghanistan, stellt viele Kämpfer beim IS. Vielleicht deshalb das Sicherheitsbedürfnis. Die Frage, auf die die Antwort so schwer fällt: Wo ist die rote Linie.

Noch zum Unangenehmen: Im Zug von Russland nach Usbekistan verbrachten auf den letzten drei Stunden der alte Russe und ich alleine die Zeit im Abteil. Unsere Tür war die ganze Fahrt seit Volgograd offen, blockiert. Der Liegewagenschaffner konnte da leider, leider nichts machen. Und während der gesamten sechzig Stunden stand ein smarter, gut gekleideter Typ neben der Tür und lächelte mich an. An der Grenze hatten die Beamten ja den Zug wie zu seligen Interzonenzeiten auseinander geschraubt. Na und dann kam der smarte Bisnissman zu uns ins Abteil mit einem Burschen, dem man besser nicht widerspricht, und bat uns, dass wir uns  an das Ende des Gangs zu verziehen. Der Alte muckte noch ein bisschen. Ich hatte gegen mein sonstiges Bedürfnis keinen Bock auf Widerspruch. In der Hand hatten sie Werkzeug. Die Tür ging, oh Wunder, wieder zu. Und nach einer Viertelstunde kamen die beiden mit Kartons und Tüten raus. Die Dosen drin  waren mit „Kaviar“ hoffentlich exakt etikettiert. Deponiert worden ist das ganze wohl schon auf den Abstellgleisen in Volgograd, in einem Abteil, in dem laut Passagierliste ein Ausländer fuhr.

Meine Knie waren eine Weile richtig weich. Dem Zoll zu sagen „schwere Kindheit“ und „komme aus Offenbach“ reicht in diesem Teil der Welt kaum für mildernde Umstände.

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