Mittwoch 23. und Donnerstag 24. November 2016 – Dreißig Stunden im Liegewagen von Samarkand nach Almaty (Kasachstan)

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Der erste Eindruck war schon nicht der Beste als der Zug mit einer Stunde Verspätung im Bahnhof von Samarkand einfuhr. Eine neue Lok aber zerbeulte Waggons, die wahrscheinlich schon zu Sowjetzeiten ausgemustert und später an Kasachstan vertickert wurden. Pritschen so schmal wie meine Schultern. Naja wenigstens halten meine lädierten Bandscheiben dank Kieser. Und noch nie war ich so dankbar, dass mir einst vor meiner ersten Asienreise der Verkäufer bei „Globetrotter“ auch noch den ägyptischen Baumwollschlafsack aufgeschwatzt hat. In ihn gehült kann ich mich getrost nachts in die versifften Decken der kasachischen Bahn kuscheln.

Die Fahrt zum Bahnhof morgens um sechs war kein Problem, auch wenn es die ganze Nacht in Samarkand keinen Strom gab, das Taxi eine halbe Stunde zu früh kam und der Fahrer sich  die letzten 100 Meter zum Hotel ersparte. Kein Ausweiszücken vor dem Bahnhof, weil die Beamten nicht aus ihrem warmen Container wollten und der Meister des  Röntgengerätes und seine acht Hipos resignierten nach zehn Minuten, weil das Transportband einfach nicht laufe wollte. Ärgerlich nur, dass alle Kioske zu waren und der Automat nach einer Packung Kekse seine Geist aufgab. So bleiben mir für dreißig Stunden Fahrt zwei Flaschen Wasser und zwanzig Bisquit.

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Warten auf dem Bahnsteig, bis aus der Tür in meinen Wagen ungefähr eine Palette Wodka in Sixpacks ausgeladen war. Wahrscheinlich über die Kasachische Grenze im Westen geschmuggelt. Dort hatte der Zug am Tag zuvor seine Reise begonnen. In den Abteilen saßen meist Heimaturlauber, die zu ihren Jobs nach Kasachstan müssen. Ein bisschen  Bammel habe ich dann schon vor der Ausreise, weil ich bei der Einreise verbaselt hatte, neben den Dollars meine 200 Euro im Gürtel zu deklarieren. Es ist in Usbekistan verboten mehr Devisen aus- denn einzuführen. Und die Kontrollen sind gelegentlich hart. Wenn man erwischt wird, kostet das richtig Geld.

Als ich der Zöllnerin die Devisenerklärung in die Hand drückte, begrüßte sie mich auf Deutsch. Ab diesem Moment war sie chancenlos gegen meinen Offenbacher-Hinterhof-Underdog-Bagger-Charme, der gelegentlich bei 55+ wirkt. Wir haben uns zehn Minuten nett unterhalten. „Ob sie denn nicht nach Deutschland möchte?“ und „wo haben sie so gut Deutsch gelernt?“ „prima, so eine schwere Sprache“. Jedenfalls nach fünfzehn Minuten hatte sie das Papier mit den Devisen in ihrem großem Stapel verbaggert und vergessen.

Interessant waren für die nächsten Stunden die Gespräche mit meinen Mitreisenden. Ein bisschen Englisch, Gesten mit Händen, Kuli  und Wörterbuch. Eine Mutter (62), Usbekin, die ihre zwei Kinder in Almaty besucht und ein junger Mann (21), auch Usbeke, der als Pizzabäcker dort arbeitet. Beide stammen aus der Gegend von Nukus, aus jener Steppe im Nordosten des Landes, die mir bei der Einreise als so trostlos erschien. Ihre Kinder, so die Großmutter, müssten im Ausland arbeiten, weil sie zuhause keine Chance auf ein Auskommen hätten. Für sie als Mutter sei das sehr schwer, nur ihre dritte Tochter lebe noch bei ihr. Die beiden anderen und die Enkel könne Sie nur zweimal im Jahr sehen.  Für alle hat sie reichlich eingepackt. Brot, Wurst und Käse aus der Heimat.

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Auch der junge Pizzabäcker war auf Heimaturlaub. Er interessiert sich für meine Reise. Ich muss ihm alle Bilder auf der Kamera zeigen. Er ist Muslim und interessiert sich besonders für die Fotos, die ich in den Kirchen in Samarkand gemacht habe. Ob ich Christ sei, will er wissen und ist zufrieden als ich „ja“ sage. Auch er hat in Usbekisan keine Perspektive. Und Kasachstan ist ja auch kein Hochlohnland. Aber was soll er machen, um sich wenigsten ein Minimum seiner Wünsche zu erfüllen.

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 Der Zug hat 18 Wagen. Im Schnitt sind sie vielleicht mit 40  Leuten belegt, also 700 Personen, die meisten wohl Gastarbeiter. Und jeden Tag fahren mehrere Trains nach Astana, Almaty oder Sibirien. Migration aus wirtschaftlichen Gründen ist keine deutsche, kein europäische Erfahrung sondern -das habe ich schon bei anderen Reisen sehen können- ein weltweites Problem. Wir stehen  heute wahrscheinlich erst am Anfang. 30 Stunden Liegewagen bringen manchmal mehr Erkenntnis  als 30 mal Maischberger, Illner oder Anne Will im TV. „Wirtschaftsflüchtling“ klingt immer so nach Täter.  Der Pizzabäcker würde lieber ein Restaurant zuhause aufmachen. Er hat weder zu verantworten, dass er in einem korrupten Land lebt noch dass der Klimawandel die wirtschaftlichen Möglichkeiten dort immer weiter einengen. So bleibt ihm ein Traum: Er möchte in einer Osteria  in Moskau arbeiten. Daran muss ich denken als ich abends in Almaty in einer Trattoria  esse bei einem Wirt, der verdammt chinesisch aussieht. Aber das mit den Nudeln und den Antipasti kopiert er verdammt gut.

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1 Response to Mittwoch 23. und Donnerstag 24. November 2016 – Dreißig Stunden im Liegewagen von Samarkand nach Almaty (Kasachstan)

  1. Avatar von Axel Wappler Axel Wappler sagt:

    Danke, lieber Matthias (Müller)
    Mit gutem Unterhaltungswert & treffenden Informationen habe ich einige Ihrer Reiseschilderungen gelesen. Ihren Link hierzu fand ich heute (9.12.19) in ZON. Nochmals vielen Dank.
    Aus (geschlosseneren) DDR-Zeiten gab es vor ca. 30-35 Jahren Ausbüchsungen von jungen Leuten, die als UdF-Aktivisten (unbekannt durch Freundesland) gerade in der damaligen Sowjetunion in unahnbare Gebiete eingebrochen sind. Zuletzt 1990 bis nach Kamtschatka & zurück.
    Auch in das hiesige Altai-Gebiet, mit all seinen 1000-aus-einer-Nacht-Städten & diversen hohen Bergen, sind sie eingezogen.
    Alles illegal & ob grundsätzlicher sowjetischer Spionage-Unterstellung nicht ungefährlich. Der Große Bruder hatte & bekam immer sein Recht. Echtes Risiko..
    Sollte es Sie zur Untermalung/Untermauerung Ihrer Reiseerfahrungen interessieren, gurgeln Sie bitte nach DDR-zeitlichen #UdF-Reisen & Literatur. Auch in den Dritten der ARD gab es mal eine Reportage über die Protagonisten. Einen kenne ich selbst, Jan Oelker aus Dresden.
    Viele Grüsse,
    Axel Wappler, Jena

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