
Naja. Mit dem Mythos „Samarkand“ hat meine Phantasie mehr verbunden. Der Klang des Namens verspricht: Orientalisches Leben in engen Gassen, Weihrauch, ein wenig 1000 und eine Nacht, Smaragde, ein Bummeln durch mittelalterliche Basare, feilschen in Souks. Gegenüber Buchara bietet der Ort jedoch wenig. Breite sechsspurige Schneisen, verstopfte Straßen, Schlaglöcher, eine zerfaserte Altstadt, Smog. Kein Vergleich mit dem homogenen Bild der einstigen Oase Buchara. Gewiss: Es gibt hier in Samarkand neue alleenartige Boulevards, die zum Verweilen einladen, aber ein Problem scheint, dass die Planer versucht haben, die Hunderte von kleinen Läden in riesigen Malls zu konzentrieren. Diese einstöckigen Flachdächer erinnern an die Monotonie von US-Outlets, keine Einladung zum Stöbern und Herumstromern. Entsprechend leer sind die Geschäfte. Ein Highlight in all der Tristesse: der Markt. Hier tobt das morgenländische Leben.
Kulturhistorisch scheinen die Moscheen, Mausoleen und Monumente aber von herausragender Bedeutung. Einige besuche ich. Im Gedächtnis geblieben ist ein Tempel, der der Bildung gewidmet ist. Sein Erbauer gestaltete ihn besonders prunkvoll, um den herausragenden Stellenwert von Wissen zu unterstreichen.

Am Ende hat mich aber dann doch ein Museum begeistert. Dafür bin ich morgens etwa vier Kilometer auf eine kleine Anhöhe marschiert, in die Stätte, die dem Astronomen Ulug Bak gewidmet ist. Er hat im 14. Jahrhundert einen Sextanten etwa 11 Meter tief in den Fels eingelassen. Damit hat er zu jener Zeit den Lauf der Gestirne mit einer Präzession berechnet, die ganz dicht an die Ergebnisse moderner Messmethoden reicht. Die Markierungen, Mauern und Treppen des Sextanten sind freigelegt und beeindrucken mit ihrer Größe . Das kleine Museum nebenan braucht keinen Vergleich mit den Sammlungen in aller Welt zu scheuen. Normal haben Museen hier so einen „Held der Arbeit“ Touch“.
Dieses Haus ordnet das Werk von Ulug Bak in den historischen Kontext seiner Zeit ein. Nach den großen Kriegen seiner Vorgänger im 14 Jahrhundert machte der Sultan Frieden und revitalisierte die alte Seidenstraße. Mit dem Handel begannen die verschiedenen Kulturen sich untereinander auszutauschen, voneinander zu lernen. Medizin, Wissenschaften, Musik und Malerei entwickelten sich zu einer enormen Blüte, auch weil der Sultan die Rahmenbedingungen förderte, neue Freiheiten gab. Selbst Verbindungen mit europäischen Forschern wurden per Post gepflegt, Schulen und Universitäten begründet. Wo einst die Menschen das Elend der Kriege erlebten, wuchs der Wohlstand.
Mir sind diese herausragenden Fähigkeiten der islamischen Welt in vergangenen Jahrhunderten schon in Buchara aufgefallen: Kuppeln, die ineinander übergehen, kunstvoll gemauerte Gewölbe und Handwerkskünste auf vielen Gebieten. Wir kennen ihre Leistungen von unseren Besuchen in Andalusien, Istanbul. Meine Tage in Damaskus fallen mir ein, die Zeit in den Königsstädten in Marokko. Und ich frage mich immer, warum kann die arabische Welt nicht auf diesem Fundament aufbauen. Stattdessen hat man all die Öl-Billionen, die Wohlstand der Völker hier auf Jahrzehnte garantiert hätten, für die Ausschweifungen von Herrscherdynastien verschleudert oder dazu genutzt, um sich gegenseitig auf den Kopf zu schlagen.
Morgen geht es weiter Richtung Osten. Ex Oriente Lux. Ein neues Land erwartet mich auf meinem Weg von (Mühlheim) Hanau nach Hanoi.