
Ja, wenn ich das vorher gewusst hätte. Der Aufenthalt in Buchara lohnt für einige Tage mehr. Das Hotel stimmt (Inklusive dem Empfang des ZDF. Endlich wieder Sportstudio). Das Frühstück ist usbekisch / westlich, dazu noch reichhaltig und sehr gut. Bald nach der morgendlichen Stärkung lasse ich mich durch die Altstadt treiben. „Old Buchara“ wie die Einheimischen sagen, hat seine architektonische Handschrift seit Jahrhunderten bewahrt. Fast flächendeckend sind die Mauern noch aus Backstein. Dank der UNESCO sind viele Monumente vorbildlich restauriert, die Mosaike glänzen wie am ersten Tag. Torbögen und Kuppeln sind kunstvoll gemauert, Türbeschläge neu geschmiedet, Fensterläden filigran geschnitzt. Buchara muss einst sehr wohlhabend gewesen sein. Man kann sich so richtig vorstellen, welche Anziehungskraft die prächtige Stadt voller Leben für die Karawanentreiber nach Wochen der Entbehrung in der Wüste hatte. Hier gab es Delikatessen, Wein, Unterhaltung, Kneipen, Badehäuser.
Vor einem solchen Badehaus bleibe ich eher zufällig stehen. Die „Managerin“, eine ältere Frau, lädt mich ein hineinzutreten. Es ist ein Damenbadehaus und seit dem 16. Jahrhundert ununterbrochen im Betrieb. Die Mädels haben an diesem Vormittag wohl gerade ihre Schönheitskur beendet. Im Inneren Raum dampft es noch. Es ist angenehm warm. Die Kamera beschlägt.

Man (äähh frau) sitzt noch auf Jahrhunderte alten Steinen, nach einer Phase der Akklimatisierung im Vorraum. In der Mitte ein riesiger steinerner Massagetisch. Beim Herausgehen möchte eine junge Italienerin einen Termin für den nächsten Tag vereinbaren. Zwei- dreimal zeigt sie auf mich und fragt die Managerin fast ängstlich „But only for woman?“. Naja man wird älter. Vor vierzig Jahren hätte sie sich diskret erkundigt, ob der sympathische nette Junge auch käme.
Danach ein Blick in eine Koranschule. Betreten werden darf nur die Vorhalle am Eingang zum Hof. Auf großen Tafeln werden die Lerninhalte in Englisch beschrieben. Neben den Lehren Allahs werde sehr viel Wert auf Sprachen, Physik und Mathematik gelegt. Nach dem Besuch diverser Moscheen und eines mittelalterlichen Studentenwohnheims mit schmalen Kammern steige ich hoch auf die Burg.
Hier treffe ich Olebruck, so habe ich seinen Namen verstanden.

Olebruck spricht perfekt Deutsch, ohne Akzent. Eigentlich unterrichtet er an der Musikschule. Er spielt Stehgeige. 2010 gastierte er mit der Gruppe Karavan in der Berliner Philharmonie, ein Konzert, das von der UNESCO organisiert wurde. Auf dem Handy hat einige Stücke gespeichert, die er mich hören lässt. Traurige usbekische Weisen. Deutsch hat er im Goethe-Institut gelernt. Er erzählt mir wie wichtig eine solche Einrichtung für ein Land wie Usbekistan sei. Hier habe er Zugang zu Literatur, zu Filmen, zu Zeitschriften. In der Hauptstadt Toshkent und in der Filiale in Buchara werde hervorragende Arbeit geleistet. Er selbst könne von dem Musikunterricht nicht leben, deshalb sein Nebenjob im Museum. Hinter der Tür auf dem Foto hat er sich in einem etwa 1,5 qm großen Raum eingerichtet. Stuhl, Tisch, Regal. Dort lernt er jetzt Chinesisch.
Nach der Burg Rast in einem traditionelles Teehaus. Ginger Tee und leckere Süßigkeiten. Ich bummele noch ein wenig durch die alten Gassen, deren Restauration noch nicht in Angriff genommen wurde. Da wartet noch eine Menge Arbeit. Viele Baustellen sind zu sehen. Aber auch manch schmuckes Wohnhaus, das seinen neuen Glanz dem Engagement des Eigentümers verdankt. Selbst entlang der schäbigsten Wege und in halb verfallenen Höfen sind immer wieder Zeugnisse vergangener Pracht zu entdecken. Verblasste Fresken, ein kunstvoller wenn auch verrosteter Beschlag an einer Tür, eine alte Inschrift, Schnitzereien, die Torbögen zieren.
Zurück im Hotel lädt der Besitzer zu einem winzigen Drink (sagt er) ein. Mit von der Partie: ein Russe, ein Australier und der Student, der das Haus managt. Es dauert eine Weile bis aufgetischt ist. Brot, eine Wurstplatte, Cola und Cognac. Wir werden auf die hiesigen Sitten verpflichtet: Jedes Glas (und die haben keine kleinen Gefäße) muss in einem Zug ausgetrunken und jede angebrochene Flasche muss bis zur Neige geleert werden.

Russe, Hotelbesitzer, ich Australier beim anstoßen. Der Student fotografiert.
Ein lustiger Abend. Der Australier, ein verrückter Typ, ist sieben Monate auf dem Motorrad unterwegs von Korea zu Freuden nach Belgien. Er ist Fotograf und macht einen Blog, mit dem er dank Sponsoring des Kameraherstellers „Olympus“ seine Reise finanziert. Sein Bildbearbeitungsprogramm ist mir unbekannt. Die Ergebnisse lassen mich erstaunen. Der Russe arbeitet angeblich als Spezialist im Pipelinebau, vergisst aber sofort seinen englischen Wortschatz, wenn es um seine Arbeit auf den Ölfeldern geht. Ja und der Student erzählt mir von seinen Plänen. Er möchte einige Semester in Deutschland „Tourismus“ studieren und dann hier in Buchara ein Hotel aufmachen. Die Stadt sei im Frühling und Herbst ausgebucht. Ich verspreche ihm, mich nach Fördermöglichkeiten zu erkundigen. Eine Frage von ihm überrascht mich dann. „Was für mich der 9. Mai sei?“ „Natürlich. Ein Tag der Befreiung und der Scham über unsere Verbrechen, ist meine Antwort“.. Der Student erklärt mir die unterschiedliche Art von Usbeken und Russen des Kriegsendes zu begehen. Während die Russen ausgelassen feiern, gedenke man hier seit der Selbständigkeit nur der eigenen Toten.
Der Russe und der Usbeke konzentrieren sich bei den Happen zwischen reichlich Hochprozentigem auf die Pferdewurst. Dem Australier und mir ist es recht. Uns bleibt die köstliche Salami mit einem sehr schmackhaften Brot. Alkohol, so die Usbeken, sei für sie als Moslems kein Problem. Mein Nachbar aus Sydney und ich sagen dann unisono nach der geleerten zweiten Flasche: „Aber für uns jetzt schon“ und drehen die Gläser um. Ein toller Abend.