Donnerstag, 17. November 2016, von Wolgograd nach Samarkand. Teil 3, Usbekistan

p1040766Gemeinsam haben wir es geschafft. Alle Angaben auf dem Einreiseformular sind sogar in Kyrillisch.

Drei Stunden vor der usbekischen Grenze wird es ernst. Der Liegewagenschaffner verteilt die Einreiseformulare. In einer Sprache, deren Buchstaben ich schon nicht mehr verstehe. Meine Begleiter fragen in den Nachbarabteilen vergeblich, ob jemand Russisch- und Englisch Kenntnisse hat. Schließlich finden sie am anderen Ende des Wagens eine Frau, die das lateinische Alphabet beherrscht, ohne ein Wort Englisch oder Deutsch zu verstehen. Gemeinsam brüten wir über meinem Pass, über Family und Given Name, Sex und Gültigkeit. Die Kiebitze in den Betten über uns geben uns immer wieder neue Ratschläge, äußern Kritik, warnen vor Fehlern. Wie gut, dass ich nichts verstehe. Mein Pass wandert von Hand zu Hand, Formulare werden zerrissen, Neue begonnen. Schließlich ist es geschafft. Ich kann unterschreiben.

Vor dem usbekischen Zoll haben alle Respekt. Es wird still als die Beamten den Wagen betreten. Wir harren alle auf den unteren Betten der Dinge. Der Usbeke deutet mir mit Gesten an, nur das Gepäck zu öffnen, wenn der Zöllner es will.

Die Ausbilder des langen -auf den ersten Blick sehr sympathischen- Schlacks in Uniform, der unser Abteil betritt, war wohl Trainees an der innerdeutschen Grenze. Damals, noch vor dem ersten Vertrag über Reiseerleichterungen zwischen der BRD und der DDR. Der Zug wird förmlich auseinander geschraubt. die Dachverkleidung entfernt, die Wände aufgeklappt. Es dauert Stunden bis jeder Koffer geöffnet und alle Passdaten im Laptop erfasst sind. In jeden Winkel leuchtet eine Taschenlampe. Ich muss zum Glück nur meine Medikamente erklären. Was gesucht wird, ist klar. Aber alles geht glatt. Und dennoch, einige Stunden später werde ich ganz weiche Knie bekommen. Aber um das zu formulieren, brauche ich ein paar Tage, dann werde ich sicher im nächsten Land sein.

Nach der Kontrolle erst einmal schlafen, was mir zu meinem Erstaunen sehr leicht fällt. Der Tee des alten Russen hat offenbar beruhigende Wirkung. Draußen die endlos gleiche Landschaft wie seit zwei Tagen. Kleine Weiler, ein paar Hütten. Alle zweihundert Kilometer ein verfallener Industriekomplex, Zeugnis sowjetischer Kraftmeierei, der irgendwann die Puste ausging. Dann wieder verrostete Gleise in geplante Industriegebiete, die wahrscheinlich nie befahren werden. Mir fällt auf, dass fast alle Güterzüge, die mir seit Helsinki  begegnen zu fast hundert Prozent aus Kesselwagen und offenen Güterwaggons gebildet werden, also dem Transport von Rohstoffen du Öl dienen. Ein  Hinweis auf die Abhängigkeit der gesamten GUS von den Rohstoffpreisen dieser Welt.
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An den Bahnhöfen warten die Lieben auf ihre Angehörigen. Es ist bitter kalt. Auch die beiden Usbeken sind angekommen. Ein letztes da ßwidánja, eine Umarmung. Sie dürfen den Heimaturlaub genießen bis es in einigen Wochen wieder die lange Strecke zurück geht. Einmal im Jahr bleibt ein Monat für Frau und Kinder. Die Menschen in den neuen Staaten im Süden der Ex-Sowjetunion sind auf die Arbeit in Russland angewiesen, wenn sie einigermaßen leben wollen. Der Russe und ich bleiben nicht lange allein. Zwei Jugendliche belegen die oberen Betten, wohl ohne Fahrschein. Darauf deuten die heftigen Diskussionen mit dem Liegewagenschaffner. Sie wollen einfach nur schlafen.

Auf den Gängen ein lebhafter Handel. An jeder Station steigen zwanzig und mehr Männer und Frauen ein, um auf den nächsten 100 Kilometer Früchte und Brot, Wurst und Käse, Milch und Joghurt anzubieten. Es gibt Kinderkleidung und Lederjacken, T-Shirts und Strickwaren. Die Produktpalette eine Elektronik-Fachhändlers reicht von der Taschenlampe über Radios bis zum Handy. Ununterbrochen sind die Geldwechseler unterwegs. Getauscht werden aber nur Rubel und Dollar. Euros zählen nicht. Der Schwarzmarktkurs ist mehr als doppelt so hoch wie die offizielle Rate. Die Inflation scheint exorbitant. Ein Dollar sind etwa 7.000 Sum. Das wäre ja alles kein Problem, wenn es entsprechende Scheine gäbe. In Vietnam oder Laos kostet der Dollar ein paar zehntausend Dong, die haben aber einen Ein-Millionen-Schein. Hier ist die größte Stückelung 5000 Sum. 100 Dollar sind so um die 140 Scheine. Die Wechsler transportieren die einheimische Währung in großen Tragetaschen. Immer ein Koffer voll Geld dabei.

Eine Nacht noch und ich darf nach 60 Stunden und ein paar Minuten in Samarkand aussteigen. Umsteigen für die kurze Weiterfahrt nach Buchara.

Es ist aber kein guter Tag heute für einen Aufenthalt im Bahnhof von Samarkand. Erdogan soll auf Staatsbesuch hier sein. Die Sicherheitsmaßnahmen sind hier eh wegen der kommenden Präsidentenwahlen auf Stufe „rot“.  Meinen Pass zeige ich siebenmal nebst Ticket. Ein Polizist will mich zum Ausgang „City“ schicken. Zum Glück versteht sein jüngerer Kollege meinen Protest. Es wird ein wenig laut. Aber alles wird gut. Ich muss noch einmal durch die Sicherheitsschleuse zum Ausgang, darf direkt hinter dem Gerät auf dem Absatz umdrehen und geduldig das gleiche Programm beim Wiedereintritt in die Bahnhofshalle ertragen. Ungerührt scannt und betastet mich derselbe Beamte mit der gleichen Intensität wie Sekunden zuvor.

Drei Stunden warten. Eine Cola, ein paar Kekse und dann ab nach Buchara. Die kaum zwei Stunden vergehen wie im Flug. Ich sitze mitten in einem Kindergartenausflug. Alles so wie bei uns. Forsche und schüchterne Gören. Begleiterinnen, die sich auf ich Handy konzentrieren. Und eine Erzieherin, die sich rührend um die Kleinen kümmert, scherzt, für alle ein gutes Wort hat. Die Kids hängen an ihr. Und nebenbei: Sie spricht toll Englisch, wie so viele hier im Süden, die entlang der Seidenstraße leben. Buchara erwartet mich. Und ich komme in ein faszinierendes Land, in das man sich verlieben muss, dessen Menschen weltoffen und gastfreundlich sind, in ein Land, dessen Kultur und ihre Zeugnisse um soviel älter sind als die unsere.

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