Einmal im Jahr vier Wochen auf Heimaturlaub

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Dienstag, 15. Nov. 2016. Im Liegewagen von Volgograd nach Samarkand. Teil 1. Russland und Kasachstan

18.30 Uhr. Bahnhof Volgograd. In knapp neunzig Minuten soll die Fahrt ins Abenteuer beginnen. Einmal die Woche, dienstags startet hier ein Zug Richtung Tashkent, auf einer Route durch die kasachische Steppe zwischen Kaspischem Meer und den Überbleibsel des Aral-See. Der Andrang ist unbeschreiblich, aber  die Sicherheitsvorkehrungen sind es auch. Wir sind im Süden von Russland, in der Nähe von einigen Problem-Regionen. Vor einigen Monaten gab es hier ein schweres Bombenattentat auf das Stationsgebäude. Am Gate: Kein Durchwinken wie in Moskau. Penibel und professionell wird jeder Koffer durchleuchtet. Madame in schicker Uniform  kennt trotz meiner Charmeoffensive keine Gnade: Der Scanner piept. Ich darf erst passieren als die letzte Münze aus der Hosentasche raus ist.

Die meisten Passagiere sind  wohl Wanderarbeiter aus Usbekistan, jeder wuchtet mindestens zehn Gepäckstücken durch Tür und Fenster. Fliegen unmöglich, weil ein  Jumbo spätestens mit fünfzig dieser Passagieren überladen wäre. Ich habe ein Bett unten im Abteil. Das garantiert, dass ich meinen Rucksack unter meiner Pritsche deponieren  darf. Amüsiert beobachte ich wie die beiden Usbeken, die in mein Abteil kommen, in der Nische über den obere Betten ihr Hab und Gut verstauen wollen. Ich hätte zehn zu eins gewettet: das klappt nie. Verloren. Irgendwie nach einer halben Stunde des hin und her , des rein und raus, ist es geschafft. Aus den Nachbarabteilen kommen immer wieder Fahrgäste, die mich bitten, auch meinen Stauraum unterm Bett für Beutel mit obskurem Inhalt nutzen zu dürfen. „Njet“, antworte ich aus dem Bauch raus. Zu meinem Glück wie sich zwei Tage später an der usbekischen Grenze  herausstellen sollte.

Mit uns ins Abteil, knapp vier Quadratmetern Fläche, ist noch ein älterer Russe eingestiegen, der Verwandte in Toshkent besucht. Die ersten Stunden ist beobachten und einschätzen angesagt. Keiner spricht die Sprache des anderen. Dann mitten in der Nach passieren wir die erste Grenze: Von Russland nach Kasachstan. Auf russischer Seite: freundlich aber bestimmt. Die Beamtin spricht gut Englisch. Nach zwei Stunden geht es weiter. Kasachstan ist nur eigentlich nur Transit für etwa 12 Stunden. Aber: Die Hauptstadt Astana ist weit und hier in die trostlose Steppe scheint die Grenzpolizei auch nicht die Hellsten eines Ausbildungsjahrgangs zu entsenden. Aber auch zugegeben: auf dieser Route reisen nur wenige Menschen aus der EU. Jedenfalls kommt so ein achtzehnjähriger pausbäckiger Bub in Uniform  in unser Abteil. Usbeke:  Pass. Stempel. Russe: Stempel. Zweiter Usbeke: Stempel. Dann ist Müller an der Reihe mit seinem roten Pass. „Kenn ich nicht, kann ich net lese“, deute ich seine Mine. Und  „Geht gar nicht“. Ich versuche auf Englisch zu erklären: Ein Deutscher braucht seit diesem Jahr kein Visum mehr für Kasachstan. Vergeblich. Er versteht nichts. Der Liegewagenschaffner redet auf ihn ein. Ich dechiffriere: Germanski. Kopfschütteln. Ratlosigkeit bis endlich der Schaffner die rettende Idee hat. Voll Ehrfurcht deutet er auf mich und voll Andacht kommt das Zauberwort über seine Lippen: „Merkel“. Zack. Stempel. Daumen hoch. Dos  Swidanja.

Also. wenn ich zuhause bin werde ich beim Bundeskanzleramt 50 Autogrammkarten von Angela plus Selfie-Termin bestellen. In manchen Ländern hat mich bislang ein unauffälliger Dollar im Pass davor bewahrt bei 98 Prozent Luftfeuchtigkeit Stunden auf den Stempel zu warten. Es geht preiswerter. Der Schlafwagenschaffner hat mich für den Rest der Fahrt als  Merkel vorgestellt. Ich gestehe. Ich habe nicht widersprochen.

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1 Response to Einmal im Jahr vier Wochen auf Heimaturlaub

  1. Avatar von Weiß Weiß sagt:

    Hallo,
    wir waren im August/September 2016 in Usbekistan, fuhren mit dem Zug von Moskau nach Taschkent. Zurück über Samarkand, Buchara zum Kaspischen Meer. Von Atyrau am Kaspischen Meer und Wolgograd nach Moskau.
    Das Abteil im usbekischen Zug nach Taschkent war sauber, die Toiletten in unserem Wagen schmutzig, in den beiden Nachbarwagen etwas besser. Die Klimaanlagen funktionierten. Wir bekamen Bettwäsche und eine dünne Decke frisch gereinigt, eingeschweißt in Plastikbeutel.
    Die Menschen waren nett. Das Essen im Speisewagen war ganz gut, wenn auch kaum Auswahl bestand, die Besatzung war nett. Nur einmal drohte eine Schlägerei zwischen 2 Betrunkenen. Sonst waren im Speisewagen wenig Gäste.
    Die Art der Kontrollen durch die usbekischen Beamten kann ich voll bestätigen. Insgesamt waren alle Grenzkontrollen korrekt, wennn auch langwierig und bei der Einreise nach Usbekistan mit intensiver Kontrolle des Gepäcks.

    Der Zug von Atyrau nach Moskau kam aus Chugand/Tadschikistan. Wir hatten zu zweit ein Abteil gebucht. Das Abteil war bereits von 4 jungen Tadschiken belegt, die aber die Plätze gleich räumten. Das Abteil heruntergekommen, schmutzig, Fenster gebrochen, blind, das Rollo nur mit Mühe benutzbar, eingerissen, der Vorhang herunterhängend. Decke und Kissen waren im Abteil, frische, eingeschweißte Überzüge gab es vom Schaffner gegen wenig Geld. Die Kissen und die Decken haben wir gleich oben unter der Waggondecke verstaut, sie sahen wenig vertrauenserweckend aus.
    Auf dem Gang waren alle Kippfenster (das obere Viertel der Fenster) ausgehängt, wahrscheinlich war es auf der Fahrt durch Usbekistan heiß gewesen. Eine Klimaanlage gab es nicht (mehr?). Am Abend wurden dann alle Fenster wieder eingebaut, denn es wurde recht kühl und etwas regnerisch.
    Der Wagen war 1990 vom VEB Fahrzeugbau in Ammerdorf gebaut worden. Den tadschikischen Schlafwagenschaffnern war klar, dass sie mit ihrem Wagen keinen Staat machen konnten und beneideten ihre russischen Kollegen, die mit moderneren Wagen, bzw. renovierten Wagen unterwegs waren, wie wir sie an einem Bahnhof sehen konnten. Tadschikistan ist ein armes Land.

    Es waren wohl fast nur Arbeitsmigranten aus Tadschikistan im Zug, zumindest bis zur russischen Grenze. Das tadschikische Schlafwagenpersonal hatte alle Abteile im einzigen Abeilwagen belegt. Vor der russischen Grenze verließen schon Einige freiwillig ihr Abteil, Andere wurden später vom russischen Zugpersonal des Abteils verwiesen, wenn sie keine entsprechende Fahrkarte hatten. In Russland füllten die Abteile sich wieder, waren zum Schluss wohl alle belegt.

    Beide Züge dürften ausgebucht gewesen sein, eine rechtzeitige Buchung ist daher erforderlich.

    Ich kann die Reise mit der Bahn empfehlen, insbesondere den Teil nach Taschkent. Man trifft viele Menschen, erlebt die Landschaft. Gegenüber dem Zug von Berlin nach Moskau sind die usbekischen Wagen natürlich ein Abstieg, aber doch ok. Für die Fahrt mit dem tadschikischen Zug muss man sich klar sein, dass westeuropäische Komfortansprüche nicht befriedigt werden können.
    K.W.

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