Volgograd: Beklemmung und Hoffnung

 Unbenannt.pngDienstag, 14. Nov. 2016, Volgograd

Montag. Nochmal in Moskau das Buffett hoch und runter gefrühstückt vor der langen Zugfahrt. Mit der Metro zum Volgograder Bahnhof. Ute und Christian hätten ihren Spaß mit mir gehabt: Circa zwei Stunden vor der Abfahrt stand der pflichtbewusste Ex-Beamte am Gate (Hätte ja auch was dazwischen kommen können, liebe Ute. Ich erinnere nur an den Airport in Hongkong mit den etwas längeren Wegen als  Dein Kassel Calden und die verzweifelten Aufrufe aus den Lautsprecherboxen, wo wir denn blieben). Naja. Ein bisschen Warten bis der Zug aufgerufen wurde. Bei um die fünf Grad minus nach draußen. Kein Waggon  da. Nach 15 Minuten immer noch nicht. Aber dauern quarckte die Ansage auf Englisch „Your Train  to  Volgograd is ready“. Endlich wurden gleich drei Züge auf einmal auf die Gleise rangiert. Zielanzeige – Fehlanzeige. Die nächsten Menschen in Uniform gefragt: Is this the Train to Volgograd? Achselzucken. Der Vierte, den ich anquatschte, ein älterer Rangierer, grinste: „Da, Stalingrad“.

Vor meiner Wagennummer nochmal dreißig Minuten (immer noch 5 Grad Minus) warten, bis sich die Türen öffneten. Die Crew musste erst noch ihren Kaffee- und Nikotinpegel ausgleichen. Drinnen wurde  es besser: Der Volgograd-Express war leer. Ich hatte ein Abteil für mich alleine. Die Concierge  textete mich auf russisch zu. Verstanden habe ich, wo die Toilette ist und sonst immer genickt. Folge: Es gab Hühnchen zum Abendessen. Also Hühner sind nach Hund ungefähr meine Lieblingsspeise. Die Sättigungsbeilage wirkte undefinierbar. Alles sehr fad. Aber was fade schmeckt, kann nicht verdorben sein. Im Speisewagen noch ein Bier geholt. Gut geschlafen.

Morgens  stundenlang durch die Steppe gefahren, aus dem Fenster geschaut . Volgograd ist verdammt weit weg. Unbeachtet aller Verbrechen. Wie dumm muss man sein, bis hierhin zu marschieren. Da ist nix. Eine funktionierende Logistik über die lagen Wege: unmöglich. Man sollte all unsere rechten Spinner einfach mal hier vorbeischicken. Hier sind ein paar hunderttausend Menschen schlicht verheizt worden für den Traum von Raum im Osten.

Das Denkmal auf dem Bild markiert quasi die Einfahrt nach Volgograd. Stalingrad, so sein Name damals,  muss in den dreißiger Jahren eine Stadt mit südländischem Flair gewesen sein. Das legen, die alten Fotos in den Museen nahe. Boulevards, Parks, Cafes, die Flaniermeilen am Wolga-Ufer. Davon ist nach der Zerstörung der Stadt wenig geblieben. Notgedrungen wurden die Häuser nach der Zerstörung hastig aufgebaut. Ein Dokument einer brutalen Architektur.

Die beiden Museen, die an den Krieg hier erinnern, sind einfach nur grottenschlecht. Schlachten-Dioramen und nebeneinander gepinnte Orden. Dennoch haben mich drei Dinge beeindruckt:

– die Parallelwelt in der Paulus und die anderen Offiziere die letzten Tage vor der Kapitulation im Keller unter dem Kaufhaus lebten. Während draußen ihre Truppen verreckten, gab es drinnen Porzellangeschirr und edlen Cognac,

– die gezeigten letzten Briefe von einigen Soldaten, die sich auch im letzten Moment an völlig irreale Hoffnungen klammerten,

– und die geringe Größe der Innenstadt. Es sind vielleicht vier Quadratkilometer  auf denen auf jeder Seite 100.000 Menschen kämpften und starben.

Aber Volgograd vermittelte mir auch einen spannenden Blick auf das junge Russland heute. Nach einem Spaziergang entlang der Wolga (schmaler als in meiner Vorstellung) habe ich ein Cafe besucht. Hier bediente Vladimir. Vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Nachdem er mir ansah, dass ich kein Wort seiner Begrüßung in russisch verstand, fragte er: „Sind Sie Deutscher“ und begann mit mir ein Gespräch in meiner Muttersprache. Akzentfrei und grammatikalisch ohne einen Fehler. Er hat Deutsch  im Goethe-Institut gelernt. Er weiß noch nicht, ob er seinem Bruder nach Dresden folgen will. Nächste Woche geht es für 14 Tage nach Österreich . Aber dann wieder zurück. Später will er vielleicht einmal auf Work and Travel. Das Cafe in dem er arbeitet, hätte in jeder Deutschen Stadt seinen Platz. Modern eingerichtet, viel weiß lasiertes Holz, bequeme Sessel, angenehme Musik und ein wirklich guter Obstkuchen. „Und man spricht deutsch“ wie mir Vladimir zum Abschied zuzwinkert.

Vladimir steht für das junge Volgograd mit seinen vielen Studenten, die wahrscheinlich bestens qualifiziert sind. Die andere Seite sieht man auf den Märkten, wo Männer und Frauen bei Minusgraden stehen, um zwei Glas Honig oder einige Nüsse verkaufen, um den nächsten Tag zu überstehen.

Ich habe in den letzten Jahren bei meinen Touren in vielen Ländern diese Vladimirs und seine weiblichen Kolleginnen getroffen. Es gibt in Russland  nicht nur rechtsradikale Jugendliche wie gelegentlich suggeriert sondern viele Heranwachsende, die Neugierig auf diese Welt sind, den Austausch mit anderen Kulturen suchen. Davon lernen und gleichzeitig stolz auf ihre Heimat sind. Aber die Vladimirs brauchen eine Perspektive jenseits des Säbels mit dem der große Vladimir rasselt.

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